Matze Schmidt Mit T-Shirtz kann man keine Politik machen Aufsatz in progress, Onlinevers. Kein Aufdruck auf dem T-Shirt schuetzt vor Kaufzwang und Verurteilung, kein Abdruck eines Springerstiefels auf einem Hemd ist Garant fuer authentisches Naziopferdasein. Alle Mode scheint nun zeitlich, weil Mode, zu relativieren, was auf sie aufgetragener Inhalt ist. Die aufgetragenen Inhalte, analog im Feld Graffitti die Parolen und Spontisprueche, werden aber aktuell mehr zum tiefensymbolischen Koerperdekor. Das ganze T-Shirt ist nunmehr Zeichen (Kill Ed Hardy) und nicht mehr Zeichentraeger. Und die Traegerin des T-Shirts wird ihrerseits Zeichen, wobei streng zwischen Frauenshirt und Maennershirt geschieden wird -- ach es gab ja noch Unisex, oder Bisex[1]? ICH FAHRE Silvio B. wollte im Fruehjahr 2010 mit dem Aufdruck "ICH FAHRE SCHWARZ"[2] auf seinem T-Shirt den legalistischen Weg gehen und den Dienstleister Bahn, also den Vertragspartner im Geschaeftsverhaeltnis ueber seine Zahlungsweigerung, ueber den Vertragsbruch offen informieren. Er verlor vor Gericht mit der Begruendung, der Kontrolleur haette die Aufschrift nicht bemerkt. Information ist demnach nur dann Information, wenn sie "an den Mann gebracht" wird und gelesen/verstanden wird. Oder anders: Informationen unterliegen Hierarchien. Nicht jede Jenny Holzer darf informieren und die Phrase "in letzter Instanz" bekommt hier wieder einen Sinn. In letzter Instanz naemlich entschied den Fall nicht ein Zeichnen der Zeichen, man klaerte fuer das eigentuemliche Verhalten der Ware Dienstleistung und den Schutz ihres Prinzips. Das ist offenbar der erste _patron général_ , gegen Levi-Strauss' ewige Struktur, auf die Modelle der Wirklichkeit des Sozialen aufgebaut werden. Levi's Jeans ist auch dann noch Jeans, wenn sie ohne Markenzeichen laeuft.[3] Die Hose ist weder nur eine Nachricht, die getauscht wird, noch nur modisch. Sie ist Signal, meine Jeans von Levis. Sie ist aber auch nicht sofort meine Levi's Jeans, sie ist vor ihrer Aneignung nie sofort meine Jeans. Baudrillard's Jeans oder Deine Hose? Baumwolle ist ontologisch gebrauchbarer Stoff und nicht stoffloser Stoff des idealen Zeichens Jeans. Aus dem voreilenden juristischen Trickgehorsam machten wir gerne ein einfaches freies ICH FAHRE. Levi-Strauss, Levi's In Winfried Noeths _Handbook of Semiotics_[4] kann zusammengefasst nachgelesen werden, wie von Semiotikern, auch in Bezugnahme auf Marx, das analytische Modell von der Trennung der Ware in Gebrauchs- und Tauschwert auf die Seite des Tauschs gezogen wird und damit die Wertform-Analyse der Ware enthoben wird. Wert wird zu einer ganz anderen Kategorie, indem behauptet wird, sog. Zeichen erhielten ihren Zeichen-Wert nur im Austausch, ihre praktische Subtanz sei woertlich wertlos, nur im Spiel ihrer Differenzen und im Gebrauch komme ihnen ihr Essentielles zu. Ihre Warenfunktion ist damit losgeloest von jeder Funktion der Ware. Genau das wird aber bestritten. Ware wird fuer diese Post- und Strukturalisten zur Ware durch ihre differentielle Zeichen- bzw. Sprachfunktion. Auf dem modernen Markt der Markenunterschiede seien Brands entscheidend fuer diese Wertzuweisung. Das Brand wird dem Gebrauchswert-Ding in seiner Tauschwertabhaengigkeit jedoch aufgedrueckt, eingebrannt. Der Firmengeschichte von Levi's sind Probleme der Vermarktung der mit Nieten zusammengehaltenen Hose aus Denim zu entnehmen und, dass sich Levi Strauss letztlich nur gegen andere Hersteller durchsetzen konnte, weil er ein ledernes Label zur Unterscheidung von anderen Produkten gleicher Art einzusetzen begann. Eine Levi's Jeans ist nur dann eine Jeans von Levi's, wenn sie mit Markenzeichen laeuft.[5] Die Differenzen der Jeans am Markt sind aeuszerlich eben minimal und qualitativ im materialen Ergebnis doch gegeben. Die Politische Oekonomie der Zeichen, die Lefebvre, Rossi-Landi, Baudrillard, Barthes usw. und auch neuerdings Winkler betreiben, vergisst dabei nicht nur das allgemeine Aequivalent Geld, welches den Tausch nicht blosz vermittelt, sondern auch wertakkumulierendes Mittel ist (G-W-G'), aber das waere eine allein zu monetaere Kritik. Sie abstrahieren von einer Sprache der Ware auf Zeichensysteme und wollen diese dann zurueckschlagen lassen auf die Ware in Produktion und Tausch selbst. Nebenbei wird der Konsument der Zeichen dann zum Produzenten derselben, was nur zum Teil auf der Hand liegt, da das Buch ersteinmal geschrieben werden muss. Die Zeichen-Werttheoretiker schreiben auszerdem den wertsetzenden Tausch fest -- der Zeichen-Warenwert entsteht ja bei ihnen wiederum durch Zeichen nicht durch Produktionskosten -- und dieser ist, da Zeichen universell kulturell sind, unueberschreitbar. Kommunikation ohne Tauschfunktion, verstanden als strukturale produktive Differenz der Zeichen von- und zueinander, erscheint ihnen undenkbar. Tausch ist aber hier nicht der oekonomische Tausch, da der Warenmarkt ja auch kein einfacher Aequivalententausch verschiedener (differenter) aber gleichwertiger Dinge mehr ist. Waere der Markt, sein Ware-gegen-Geld-Tausch mit seiner nicht offensichtlichen Metafunktion von Geld-gegen-Ware-fuer-mehr-Geld und sein Vorgaengiges, das Privateigentum an Produktionsmitteln, schlieszlich am Ende, koennte der oekonomistische Entwurf der getauschten Zeichen unhaltbar werden. Sie wuerden dann schlicht uebermittelt, angeeignet und prozessiert. Die bisher ueberproduzierte Jeans, der BH, das T-Shirt ohne Geldbindung, allein auf der Grundlage des Arbeitsaufwands. Street Art ist keine Loesung Wenn Kunst ein Werkzeug und auch mal Reflektionsmedium ist, wird dieser zweifache normative Anspruch selten erreicht. Alle gestalten, nichts erscheint gestaltet zu sein. Wie die Stadt zum Superzeichen wurde fuer die nette grafische Strassenkunst[6], in der zweiten Haelfte der 1980er die schoen bunte Berliner Mauer mit einem desillussionierenden weiszen Strich versehen wurde[7], die Gruppe Splash die Kunstwerkattituede stoert, wie die Mekkas der "Rebellion der Zeichen" gereinigt werden und doch mit ihnen stadtmarketingmaeszig geworben wird.[8] Diese apodiktische Feststellung, dass nichts mehr geht, kann verstaendlicherweise nur dialektisch verstanden werden. Mit jeder tragbaren Zeile ist es "selbstredend" moeglich, politisch zu handeln.[9] Theorie wird manchmal ja zur Waffe, und gerade dann auf Baumwolle, wenn andere Medien lange schon vermediatisiert, kanalisiert, veraesthetisiert wurden. Ganz so wie T-Shirts, die das »Internet des kleinen Mannes« sind, die spreadshirtig in der Community gestaltet und die Konsumentenproduktion repraesentieren. Jetzt im Maerz, wo wir in der groszen Stadt auf die Klebeband-Graffitty warten, werden eng anliegende und Zu-Sagendes vielleicht einen kleinen Fruehling erleben. T-Shirts mit wirklich hautfreundlichen, koerperlichen Displays, wann werden sie das monumentale urbane Bebildschirmen des Multitudischen ins Konkrete aufsteigen lassen? Wir geben ein: www.t-shirtz mit "z" Punkt org. __________________________________ [1] BMW zeigt auf seinen accessoires/tshirts-Webseiten fuer Motorraeder das gleiche T-Shirt, einmal von einer Frau ohne Kopf getragen, so, dasz man die Nippel sieht, und einmal von einem Mann mit Kopf getragen, bei dem man die Nippel nicht sieht: http://specials.bmw-motorrad.com/_common/img/riderspoint/accessoires/tshirts/tshirt_silverfunction3_gelb.jpg , http://specials.bmw-motorrad.com/de/de/products/riderspoint/img/vis_accessoires_tshirts_tshirtsilverfunction3.jpg [2] Frankfurter Rundschau, 24. Februar 2010, http://www.fr-online.de/_em_daten/_multicom/2010/02/24/100224_pan_schwarzfahren.jpg . [3] Bekannt ist eine Levi's Werbung mit dem Foto eines nackten Frauenpos mit aufgemalter charakteristischer Hosentasche (http://farm4.static.flickr.com/3194/3117878678_69728e1e99.jpg), unbekannter ist jede andere Jeanshose (http://d.yimg.com/eur.yimg.com/xp/ediets/20060811/10/458973488.jpg). [4] Kapitel "The Language of Commodities". [5] Ein Revival der nackten Miss Levi's zeigt einen aehnlichen Po, jedoch mit aufgebrachten Hosentaschen aus blauem Jeansstoff: http://lh4.ggpht.com/_uFjqbBrURRc/SaUfq2rrisI/AAAAAAAAB6M/NVgJxsxAMUo/700levis%20-%20naked%20jeans.jpg . [6] "Le travail du Jeff Aerosol" haengt in den Gallerien. Die Nicht-HiHop-Graffity Szene erleidet den gleichen Werdegang wie die fruehen Sprueher New Yorks. [7] Die "Aktion Weisser Strich" genannte Aktion fand 1986 von Berlin Kreuzberg aus ihren Ausgang: http://einestages.spiegel.de/hund-images/2009/11/05/70/3f284a2e375db5ac44d555c75cc86ad8_image_document_large_featured_borderless.jpg . [8] Der englischsprachige Wikipedia-Artikel http://en.wikipedia.org/ wiki/Graffiti zeigt die Entfernung von Tags auf einem Ticketautomaten, mit wahrscheinlich unzureichender Atemmaske, und zugleich titelte 2009 glaube ich der Berliner Tip sinngemaesz: "Von Nofretete bis Street Art" (http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/5/56/Graffiti_removal_berlin.jpg/400px-Graffiti_removal_berlin.jpg). [9] http://www.so36.de/merch.htm bzw. http://www.so36.de/clip/merch/gro%DF/Sobleibt_schwazr.jpg . Erscheint in: n0name newsletter