|<------ Breite: 72 Zeichen - Fixed Width Font: Courier New, 10 ------>| Kritiker einschalten! n0name newsletter #99 Mo., 18.12.2006 20:18 CET *Inhalt/Contents* 1. Nick. _Roman_ (Fortsetzungsroman) Teil 63 2. "How to organize?" ? ein 2. mal gelesen/geschrieben, um nicht Kraehe zu spielen 3. Rezension von Sabine Nuss. _Copyright & Copyriot_ 5 31 KB, ca. 10 DIN A4-Seiten ------------------------------------------------------------------------ 1. Nick. _Roman_ (Fortsetzungsroman) Teil 63 Roman hebte langsam langsam vom Boden ab. Vorne war nicht mehr vorn und oben nicht mehr oben. Es drehte sich aber auch nicht alles. Es war ein Zustand, der nichteinmal mit Schwerlosigkeit vergleichbar war. Teil 64 im n0name newsletter #100 ------------------------------------------------------------------------ 2. "How to organize?" ? ein 2. mal gelesen/geschrieben, um nicht Kraehe zu spielen Im n0name newsletter #92 (http://www.n0name.de/news/news92.txt) fragte ich "Warum und was also organisieren? Das bessere basisdemokratischere Symposion oder den unausbeuterischeren Kultur e.V.?" und verwies auf einen der Robin Hoods dieser Stadt Berlin, die selbstlos fuer die Erstreitung einer subventionierten Kleinkultur texten und anschaffen. Genaugenommen haben Pit Schultz und Thorsten Schiling 1998 gegen Subventions-Kolosse angeschrieben. Und um jetzt nicht Kraehe zu spielen, hacke ich mal Augen aus. Thorsten Schiling, laut der Autorenuebersicht im Buch[1] damals noch "Projektentwickler und PR-Berater" und mit Pit Schultz Hybrid Workspace-Veteran der documenta X. Die gleichen (nicht dieselben, da man sich ja veraendern darf) Persoenlichkeiten also, die heute die Masse (den Kuchen) monetaer und ideologisch mit anderen unter sich aufteilen, opponierten damals scheinbar gegen das boese Establishment der grossen Haeuser. Dabei legten beide ihre programmatische Blaupause fuer die nun zu subventionierende Szene damals offen: Geld fuer die flexiblen 'freien' kleinen halbprivilegierten Selbstausbeuter der digitalen Klasse. Umverteilung, neue Seilschaften, Community Building, radikaler Lovinkscher Pragmatismus, zwischen Staat und Firma, Transitraum als setteled Status Quo, reduktionistische Monopolisierungsperpektive, neo-kleinkapitalistische Scheisse. n0name zitiert den ganzen Text in kuenstlerisch vEraRBeiteTer fOrm um dem Recht der Urheber zu entgehen im naechsten n0name newsletter! ... NEUE TAKTIK: der Text kommt sofort als Zitat in die Fusznote[2]. Und wer sagte nochmal: "Wie muss der Musikmarkt gestaltet werden, wenn er eine Zukunft haben soll? Bezahlmodelle wollen wir ja nicht verhindern." Wie man den Kredit fuers Eigenheim, das bisschen Bankkonto, sein Herz und die verstreichende Lebenszeit auf Arbeit wie auf einer Laufkugel der computerisierten Arbeit artistisch balanciert, ist simpler Alltag. Denn *jede* Lohnarbeit ist prekaer! Alles andere ist keine kapitalistisch relevante Mehrwert schaffende Arbeit sondern dafuer noetige Reproduktion. Warst du bei "How to organize?" in der Oranienstraße? Hast du die "Organisierung der Unorganisierbaren" mitbetrieben? Oder waren da gar keine Unorganisierten, waren die nicht alle laengst in Vereinen, kurz mal vom Antragstisch auferstanden. Hatten sie "dafuer Zeit" gefunden? Oder wurde per Boykott die NGBK, einer der groeszten linken Arbeitgeber (laut Leonie Baumann 10 Ausstellungen im Jahr mit hochmotivierten jungen Kraeften) der Kunststadt, sabotiert? Oder warst Du bei den sich als prekaer entdeckenden Symbolverarbeiterinnen, die den pluralistischen Kampf gegen Lohndrueckerei machen? Warst du eine wilde polemische Katze? _____ [1] Thomas Krueger (Hg.). _Die bewegte Stadt: Berlin am Ende der Neunziger_. Berlin: FAB Verlag, 1998. [2] "„Die Stadt hat in der ersten Zeit noch hundert Grenz- barrieren. Doch eines Tages sind das Tor, die Kirche, die Grenze einer Gegend waren, unversehens Mitte. Nun wird die Stadt dem Neuling Labyrinth. Straßen, die er weit voneinander angesiedelt hat, regt eine Ecke ihm zusam- men, wie die Faust eines Kutschers ein Zwiegespann. Wie vielen topographische Attrappen er verfällt, ließe in seinem ganzen passionierenden Verlauf sich einzig und allein im Film entrollen: die Großstadt setzt sich gegen ihn zur Wehr, maskiert sich, flüchtet, intrigiert, verlockt, bis zur Erschöpf- ung ihre Kreise zu durchirren. [...] Am Ende aber siegen Karten und Pläne: abends im Bett jongliert die Phantasie mit wirklichen Gebäuden, Parks und Straßen.” Walter Benjamin STADT, LAND, DATENFLUSS BERLIN IM NETZ - EIN STREIFZUG VON THORSTEN SCHILLING UND PIT SCHULTZ Bildschirmfensterreflektionen Berlin im Netz — parallele Stadt? Die Stadt hat eine weitere Dimension bekommen: Nach Wasser, Gas, Strom, Telefon und Verkehrsnetz legt sich derzeit ein Gitter über den urbanen Raum, dessen Verdichtungen und Verteilungen für die meisten der Bewohner unsichtbar bleiben. Aus digita-ler Perspektive kippt die Stadt über in ein Feld der Ambivalenzen: zwischen lokal und global, privater und öffentlicher Hand, Arbeitsplatz und Freizeit- beschäftigung, Infrastruktur und Kulturraum, zwischen fehlgeschlagener Investition und profitablem Experiment werden gemeinhin bindende Bezugsmodelle der Verortung gesucht. Was liegt näher, als die Stadt zur imaginären Blaupause des Netzes zu machen, gerade in dem Moment, indem sie durch Telekommunikationstechnologien in vielen ihrer Funktionen Gefährdungen und Umstrukturierungen erfährt? Getrieben von eiligen Kräfteverschiebungen, gelockt von gerüchtehafter Erregung sucht man nach Bindegliedern und Metaphern, die den digitalen Raum ällgemeinverständlicher machen. Gesucht wird eine Erzählung, ein Modell mit dem die Öffnung, Kultivierung und Urbarmachung des Cyberspace in geordneten Bahnen verlaufen kann, dabei aber maximalen Entfaltungsmöglichkeiten Raum gibt, um im internationalen Wettbewerb' der Standorte Schritt zu halten. Man hört von ungeheuren virtuellen Wachstumsmöglichkeiten, von einer digitalen Gründerzeit, von Leistungs-und Innovationsbereitschaft und dem Eintritt in eine neue Ära der ,Global 95 Cities'. Wo aber liegt dieses digitale Metropolis, das Schlarrafia für Neuein-steiger, der Clondyke multimedialer Glücksritter, Eldorado der Daten-dandys und Cyberflaneure, wo liegt diese ,Medienhauptstadt Berlin`? Was bei der Architektur aus Stein noch in Grenzen verhandelbar war, wird jetzt eine Sache der Telekommunikations-Experten und ihrer Firmen-welten. Innerhalb der Berliner Stadtplanungsdebatte der letzten Jahre kam das Gespräch nur selten auf die digitale Neuordnung Berlins. Zwar wird davon gesprochen, daß die Gebäude für weitflächige Büroräume und Neue Dienstleistungen geeignet sein sollen, man bemüht sich um eine großflä-chige Bereitstellung von Infrastruktur ISDN, ADSL, Glasfaser) – und doch bleibt unklar, unter welchen Rahmenbedingungen sich die begehrten Cyber-Unternehmen schließlich im urbanen Raum ansiedeln sollen. So verläuft die Digitalisierung Berlins weitgehend unter Ausschluß der Öffent-lichkeit, vor allem wohl aus einem ähnlichen Grunde, aus dem eine ,Datenverkehrsplanung` und die Frage der Verteilung der Ressourcen für Urbanisten wie auch für die Presse bisher kein Thema waren. Und auch die Initiative des Senats mit dem wundervollen Titel „Projekt Zukunft – Der Berliner Weg in die Informationsgesellschaft" muß erst noch zeigen, ob sie mehr ist als die übliche top-down Parallelaktion zwischen Subventions- gebern und -empfängern, die ah den Wirklichkeiten vorbei vor allem mit sich selbst beschäftigt bleiben. Cyberspace Opera im sommer des Jahres 1995 wurden unter berlin überreste einer raumstation gefunden. ein team spezialisierter wissenschaftler hat den c-base e. V. gegründet und sich der erforschung gewidmet." http://www.c-base.org Das Cyberspace-Zeitalter wird sich nicht ganz von der Erde ablösen können, und bei aller Globalität Telearbeit, Stadtflucht, Kosmopolitik und popkulturellen Hipness kommen die Menschen bis auf weiteres nicht ohne eine Verwurzelung in Körper und Ort aus. Gerade entlang dieser Konflikt-linien zwischen real und virtuell ist die Wahrscheinlichkeit für andere Übersetzungsformen und pragmatische Lösungen am größten. Das sich immer wieder ordnende Chaos der Stadt, das in seiner Vielfalt auf Verortung und Verdichtung innerhalb gegebener und geplanter Grenzen beruht, mit seiner körperlichen Anwesenheit und Nachbarschaft, den zufälligen Begegnungen, den Überschneidungen von Milieus und Szenen, der Zentrierung von Arbeitskraft und Kapital, der Spannung zwischen Arm und Reich, der Durchmischung von Kulturen und der Überkreuzung von Kommunikationswegen mit Verkehrs- und Geldströmen sowie den unvermeidlichen, massenhaften Zusammenballungen wäre gegen die 96 Entgrenzung ins Ortlos-Digitale eines sauberen und sicheren virtuellen Speckgürtels auszuspielen. Die Unmöglichkeit von Flächennutzungsplänen im Datenraum stellt die Frage nach den veränderten Rahmenbedingungen des Urbanen, den gemeinsamen Referenzpunkten und den ganz eigenen Unplanbarkeiten einer städtischen Informationsgesellschaft. Die von den Cyber-Pionieren als ein Zeichen von Freiheit empfundenen fehlenden Markierungen und Maßstäbe, die Abwesenheit eines zentralen Netzbauplans angesichts der Rigorosität der zugrundeliegenden techni-schen Standards, führen viel eher zu einem wild wachsendem Brachland denn zu einem virtuellen urbanen Raum. Wachsend – das Archiv wird digi-tal erweitert und akkumuliert jegliche Inhalte, indem es bestehende Formate einschließt und nachahmt. Brachland – veraltete, überholte Metaphern, Imaginationen werden umgesetzt, temporäre Konstruktionen stehen gleichwertig neben langlebigeren Infrastrukturen. Welche Rollen haben sich bisher ausgebildet? Wer sind die ,Major players'? Welche Konstellationen, welche Hauptthemen suchen das Netz heim und treiben es an? Das Internet ist auch ein Theater der Modernisierung, es inszeniert sich als Geschichtswechsel, nicht alles kann wörtlich genommen werden und für viele Beteiligte wie auch Zuschauer liegt die Faszination darin, daß noch nicht klar ist, ob sie es mit einer Komödie, einer Tragödie oder einer Operette zu tun haben. Am wahrscheinlichsten aber ist, daß sich die meisten der Fragen auf einer lokalen und regionalen Ebene am ehesten konkretisieren, während sie sich erst später auf internationaler Ebene global durchsetzen: Netzgesetze, Umverteilungen zwischen Öffentlichem und Privatem, veränderte Formen von Produktion, Distribution, Konsumtion, andere Kulturen des Erinnerns und Verknüpfens usw. Am ehesten kann vielleicht die Pop Musik und darin die elektronische Musik Auskunft geben über die internationale Ausdifferenzierung und gegenseitige Beeinflussung lokaler Stile in globalen Kontexten. Auch auf diesem Gebiet ist Berlin nicht ganz ohne kollektive Erfahrungen. Am Tor zum Netz Für die Pendler des virtuellen Speckgürtels gibt es also noch keine Grenz-ziehungen, keinen Grundbesitz, ja nicht einmal einen verbindlichen Ort, an dem sich das Netz festmachen ließe. Sie kämpfen um billigere Bandbreite, Zugriff für Alle, mehr Spaß, gegen Zensur und für die größtmögliche Unabhängigkeit von staatlicher Regulierung auch im Sinne eines Zusammenschlusses innerhalb des neo-liberalen Weltmarktes. So kommt es allzu leicht zu einem Schulterschluß von Hacker und Multimillionär, wenn es darum geht, den Nationalstaat in die Schranken zu weisen. Ob dies jedoch die Chance des Stadt-Staates bedeutet, der seine Vorteile aus einem internationalem Netz von Verdichtungen im virtuellen wie im realen Raum 97 zieht, bleibt einstweilen offen. Ein Austausch mit den Medienkulturen anderer Großstädte kann jedenfalls nicht schaden. Wer es sich leisten kann, besetzt ein Stück Cyberspace und baut daran in seiner Freizeit, andere sehen eine digitale Revolution heraufkommen und investieren oft voreilig in vermeintlich profitable Infrastrukturen - in der Angst, den Anschluß zu verpassen. Dies ist das Europa der multimedialen Subventionsruinen. Wie zuletzt im digitalen interaktiven Fernsehen oder der kurzen Blüte der ,Virtual reality' kommt es immer wieder zu grandio- sen Fehlplanungen, zu toten Armen der Technikevolution. Das Netz als modernistische Wohnmaschine bleibt aller Voraussicht nach unbewohnbar, manche der im voraus groß angelegten ,Virtual community`- Projekte scheiterten daran, daß sich auf Dauer keine Bewohner ansiedeln wollten, da sie anscheinend mit ihren Homepage-Hütten und Daten-Vorgärten bis auf weiteres zufrieden bleiben. Das Problem liegt darin, daß sich das Netz nicht nach Haussmannscher Art am Reißbrett planen läßt, und daß es nicht der absolutistischen Zentralperspektive und dem geometrischen Raster folgt, nach der die meisten der großen westeuropäischen Stadt-zentren aufgebaut sind. Wenn man schon die Analogie der Stadt heran-zieht, ähnelt das Internet viel eher den wuchernden Außenquartieren der Metropolen der Schwellenländer und den ausufernden Suburbias amerika-nischer Ballungsgebiete. Noch gibt es wenige Verknüpfungen, aus denen heraus sich Territorien bilden. Die eigentlichen Möglichkeiten, die latent in den Strukturen des Internet angelegt sind, werden nur selten verstanden und umgesetzt. Es ist immer noch und immer wieder die Zeit der Experimente. Für manche, die zurückkamen und sich verausgabt hatten, ist die virtuelle Stadt jetzt schon eine Investitionsruine, eine Ansammlung von Luftschlössern, eine Bunkeranlage verlorener Utopien von grenzenloser Demokratisierung und Freiheit in digitaler Wildnis, eine Krücke der Imagination, wie sie schon einmal, zur Zeit der Industrialisierung, die Großstadt mit ihren Flaneuren und Dandies, ungeheuren Strömen an Geld, Menschen und Material zum Bild und zur Wanderkarte für einen weitgehend unerforschten Kulturraum machte. Das Netz ist ein offenes Buch, ein Archiv, aber auch ein Ort der Vernetzung und der Simulation; wer sich darin bewegt, wird beides finden, wird finden, was er sucht und herausfinden können was fehlt, wenn sie oder er mehr gesucht hat. Was ist Medienkultur? Benötigt wird statt eines globalen Ausschweifens ins phantastische Digitalien eine konkrete urbane Medienkultur, die ein Umfeld schafft, aus dem heraus sich erst jenes dichte und reiche lokale Netz von menschlichen und technischen Akteuren bilden kann, das bis auf weiteres im Cyberspace allein unmöglich bleibt. Medienkultur ist dabei ein unbestimmtes Feld 98 verkoppelter Interessen, die über ein gemeinsames Objekt, eben die nicht mehr so neuen digitalen Medien, emphatisch, kritisch, nüchtern und vor allem offen Austausch betreibt. Was heißt: Berlin im Netz? Zuallererst handelt es sich um die Summe der Rechner und Server, die in Berlin stehen und ans Internet angeschlossen sind. Dann um alle Server, die irgendwo auf der Welt stehen und deren Inhalte Berlin in irgendeiner Weise zum Thema haben. Schließlich um eine unbestimmte Zahl an Projekten, Rechnern und Servern, die durch eine Beteiligung aus dieser Stadt entstanden sind und am Laufen gehalten werden. Erst eine Verzahnung von Lokalität und Entfernung, die Vernetzung lokaler Initiativen an globale Diskurse, schafft jene translokale Ebene, auf der Medienkultur einen Sinn Machen kann. Diese neue Dimension des urbanen Lebens braucht zweifellos zusätzliche Informations- und Orientierungsquellen, soziale Netzwerke, eine Zusi-cherung von Grundversorgung an Archiven, Bibliotheken, Zugängen, Verbindungen. Das vielzitierte Silicon Valley entstand aus einer ebenso vielzitierten subkulturellen Mischung unter verschiedenen günstigen Be-dingungen. Das Silicon Alley New Yorks, oder die Kulturindustrie Londons wären undenkbar ohne das kreative Umfeld einer nicht-offiziellen und nicht immer bequemen Gegenkultur. Benötigt werden kaum mehr Trendscouts und Tricks, diesen Bodensatz effizient auszubeuten, sondern Formen, seine Produktivität am Leben zu erhalten und in irgendeiner Form vermittelbar zu machen, ohne sie gleichzeitig zu vereinnahmen und zu zerstören. Das Internet ist vor allem anderen ein Bildungsangebot, das einer ständigen Veränderung unterliegt. In großen Teilen hat es sich bisher selbst zum Thema, in anderen ist es dabei zu einem konkurrenzlosen und informellen Medium der Do-it-yourself Aus- und Weiterbildung zu werden. Ebenso wie eine Stadt je nach Standpunkt und Perspektive ihr Gesicht verändert, geschieht dies auch mit dem Netz. Die Angst vor Kommerz-ialisierung klammert sich an die ohnmächtige Vorstellung der Welt als Kaufhaus. Viel eher bietet das Web aber all jenen neue Möglichkeiten, die sich bisher nicht weltweit zu Wort melden konnten, sich zu vernetzen und eigene hybride Medienkulturen zu entwickeln. Uberraschung? Zwischen den ,realen` und den ,virtuellen` Territorien findet eine Übersetzung statt, die man einerseits als nutzloses soziales Rauschen bezeichnen kann, andererseits als Ausdruck von Kultur. Das Netz ist hier noch am Anfang, entwächst gerade erst der kryptischen Folklore eingeschworener Gruppen und hat seinen Anfang bereits hinter sich. Die Phantasien der ,anderen Welt' hinter der realen reihen sich ein in eine Galerie der verpatzten Utopien: eine davon ist die Stadtmetapher. Ein neuer „radikaler Pragmatismus" (Geert Lovink) zieht ein, viele versuchen aufs neue, ihr Metier zur Meisterschaft zu bringen, andere finden Themen und Ideen, die noch unbeachtet blieben, und manche veränderte Konturen werden erkennbar. 99 Kultur ist hierbei nur ein Platzhalter für eine Zone des Tauschs und eines Mehrwerts, der sich schwerlich in Geld fassen läßt. Es geht um soziales Arbeiten, individuell sinnvolle Information, die Erkundung des Sektors zwischen staatlichen Institutionen und Firmenwelt. Kultur karin alles bedeuten, wenn sich daran eine gewisse Passion anschließt, die sich einer ausschließlichen merkantilen Nutzbarmachung entzieht. Die derzeitige Situation ist gekennzeichnet von einem Aufholen der Nachzügler. Das digitale Deutschland kämpft noch immer mit überhöhten Telekommunikationsgebühren, doch der Otto-Normal-User gewinnt die Oberhand. Zwischen dem Solipsismus der Konsumenten und strukturel-lem Konservatismus der Verkäufer gedeihen kleine lokale Wissens- und Medienkulturen, die jenen Geistern und Handwerkern den Bodensatz liefern, die weder als Medienmacher noch als Cybersklaven ihre ganze Erfüllung finden. Ruhelos, unzufrieden, konzentriert, individualistisch und verunsichert, experimentieren sie hier mit neuen Formaten, versuchen, soziale Phantasien und Bewegungen mit ganzheitlichen Entfaltungs-möglichkeiten der Artikulation zu versehen, kollektive Äußerungsgefüge für Subjektivität zu finden, die in der Fernsehgesellschaft verloren gehen. Schlagworte sind auszuprobieren und auf ihren praktischen Sinn zu prüfen: Wissensgesellschaft, Interaktion, Interface, Simulation, Spiele, Überwachung, Cyberfeminismus, New Labour, Öffentlicher Datenraum ... Zur Situation in Berlin Berlin ist auch digital im Transitraum. Aufbruch ist überall, aber es fehlt die Infrastruktur oder sie wird gerade erst geschaffen: Reichlich spät kommt etwa die Hochschule der Künste auf den Neuen-Medien-Trichter und selbst das ist bestenfalls zaghaft zu nennen, vergleicht man es etwa mit der Situation in Köln (Kunsthochschule für Neue Medien), ganz zu schwei-gen von Amsterdam (Rietfeld Akademie), London (Hyper Media Research Center) und anderswo, wo Bildungsmaschinen die digitalen Handwerker-künstler jedes Jahr dutzendweise in die schöne neue Datenwelt einspeisen. Aber in den nächsten Jahren wird Berlin hier nachholen, und der ,Brain drain' zieht auch manche kreativen Köpfe von anderswo hinein in die Stadt. Es entstanden die ersten HTML-sweat-shops, manche wie Pixelpark verkaufen sich inzwischen großartig. Künstler, Netzwerke und Digiterati sind hier in wachsender Zahl zu finden. Es gibt den von Boris Gröendahl organisierten „Cyberstammtisch", das Hackertreffen „Discordia" des Chaos Computer Clubs, die „mikro.lounges" im WMF. Von Berlin aus moderiert der Amerikaner David Hudson die Mailinglist und das e-zine Rewired, die zu den besten Quellen für digitale Reflexion zählen. De:Bug ist eine ganze Zeitschrift für elektronische Lebensaspekte, die in Clubs, Bars und anderen ‚locations' noch umsonst ausliegt. Thing.de, Neid, convex tv., Radio Internationale Stadt, Sero.org, C-base sind Netz- 100 Adressen, die einen Besuch lohnen. Und mit billund5000 gibt es die erste regelmäßige Zeitung für digitalen Info-Klatsch, sinnigerweise unter japani-schem Pseudonym der Autoren und als Newsletter per e-mail zu empfangen. Um ein aktives Gegengewicht gegen die kömmerzielle Vereinnahmung des Netzes zu schaffen, haben öffentliche Institutionen wie Universitäten, Bibliotheken, Museen und auch Behörden eine enorme Verantwortung. Sie haben äber auch ein enormes Potential: ihren content. Niemand hat in den Archiven und in ihren Netzwerken soviel content in der Hand wie sie. Aber bisher ist das im Netz nur rudimentär zu erkennen und noch ist nicht abzu-sehen, ob überhaupt ein ausreichendes Bewußtsein dafür besteht, daß dieser Reichtum (noch) in ihren Händen ist. Oder bekommen wir eine neue „ursprüngliche Akkumulation des Kapitals" (Karl Marx), diesmal durch die Kapitalisierung des Wissens und die Privatisierung der Archive und Bildungsinstitutionen? Sind das Bildarchiv von Bill Gates oder Regio Online von debis erste Schritte in diese Richtung? Entsteht auf der anderen Seite nach dem „doppelt freien Lohnarbeiter" – frei von Eigentum und frei von feudalen Bindungen und Absicherungen – auf dem Neuen Medien- markt der „doppelt freie Mitarbeiter", der seine intellektuelle und/oder künstlerische Arbeitskraft als Unternehmer seiner selbst auf dem freien Markt verkaufen muß? Wer fordert und erkämpft das Bürgerrecht auf Information? Was tun mit der ungeklärten Recht- und Verhältnismäßigkeit von Urheberrechten? Wie die Monopolisierung der Wissensmärkte verhin-dern? Wie wird die Frage der Bereitstellung von Basisinformationen für eine chancengleiche offene Bildung angegangen? So viele Fragen, würde Brecht sagen. Fazit Die konkrete Situation der nebeneinander existierenden Medienkulturen und Kleinszenen, die oft ihre Hauptaktivität in das Schützen ihrer Nischen setzen und sich gleichzeitig in mikropolitischen und ideologisch geprägten Szene-Kriegen untereinander verstricken, ist ebenso typisch für Berlin, wie es eine Fortentwicklung auf internationaler Ebene behindert. Die Versäumnisse der verantwortlichen Institutionen im Bereich Medienkultur, Medientheorie, Medienkunst, vor allem was den Anschluß an einen inter-nationalen Diskurs betrifft, lassen sich nur wettmachen, wenn hier umge-dacht wird. Benötigt werden eben keine Unterabteilungen bestehender Spielorte, keine Reformation existierender Subventions-Kolosse, sondern die Investition in temporäre, punktuelle und kosteneffektive Veranstal-tungen und Initiativen, die gerade auf die teure und repräsentative Ebene verzichten können, dafür aber in Qualität, Originalität und internationaler Vernetzung weit voraus sind. Die Schaffung eines Fonds zur Förderung von Medierikulturen, die Gründung kleinerer stadtteilorientierter Medien-und Netzlabors auf Basis von Vereinen würde der Herausbildung von 101 Teilöffentlichkeiten und kreativen Zirkeln dienen, aus denen sich ‚Bottom-up' erst die viel zitierte Innovationskraft entwickeln kann. Hierbei kann freilich nicht auf die Mitfinanzierung aus privater Hand und freiwillige ehrenamtliche Mitarbeit verzichtet werden. Szenarien zur Förderung von Medienkulturen in Berlin könnten zum Beispiel sein: <> Palast der Republik des Wissens und Zusammenlegung mit der <> AGB nach dem Modell Centre Pompidou <> Öffnung und Erweiterung der technischen Studiengänge der Universitäten <> Anschluß an ein Europäisches Netz von Cybersalons Surfschulen / Sommerakademien <> Internationale Kongresse für ,Small media' auf Breitenbasis ... Statt einer Nachbemerkung: Wer in eine Stadt kommt, läßt sich von seiner Imagination und von vorläu-figen Informationen leiten. Nach und nach, sei es bei wiederholtem Besuch, sei es mit der wachsenden Eifahrung des alltäglichen Lebens in ihr, bekommt er ein konsistentes Bild, erhält die Stadt eine Gestalt, wird erkennbar, bekannt, vertraut. Diese Vertrautheit ist entweder der Aus-gangspunkt für weitere Entdeckungen und Eroberungen oder der Lande-platz für die sich im alltäglichen Rhythmus wiederholenden Lebens-vollzüge. Er/Sie hat einen Platz in ihrem Gewebe, an dem er/sie mitwirkt. In dieser ´ Physiognomie des Urbanen ist einiges thematisiert, was auch für Bewegungen im Netz gilt. Wer Berlin im Netz entdecken und nutzen will, wird seinen eigenen Weg finden, wir haben hier lediglich Vorschläge unter-breitet. Manche der im Anhang (S. 178-181) aufgelisteten Websites werden sich bei Erscheinen dieses Bandes verändert haben, verschwunden sein oder an anderer Stelle wieder auftauchen; das heißt: es bleibt alles, wie immer, ohne Gewähr. GEHEIMTIPS: Thorsten Schilling: Cafeteria in der Slaatsbibliothek – die unter- schwellige Erotik des Geistes auch in den Lesesälen. Pit Schultz: „Palakpanier" beim Inder in der Johannisstraße neben dem WMF. 102" in: Thomas Krueger (Hg.). _Die bewegte Stadt_. Berlin: FAB Verlag, 1998. S. 95-102. Hier mit deutschen Umlauten, ohne kursive Woerter. Yelena Simc ------------------------------------------------------------------------ 3. Rezension von Sabine Nuss. _Copyright & Copyriot_ 5 "(...) dass zum Beispiel in der Softwareproduktion die Leute ihre Produktionswerkzeuge jetzt in der Hand halten", wie behauptet[1] ist unhaltbar und schoener Traum. Serverfarmen, Strom und Telefon- Netzwerke, die groszen Distributionskanaele gehoeren nach wie vor dem Kapital (personifiziert z.B. in Form von Steve Jobs usw.[2]), die Banken mit Festplatten und Software sind nicht gesprengt, die meisten Kodiererinnen sind Scheinselbststaendige, also relativ billige und ohnehin Lohnarbeitskraefte der Softwareindustrie. Den Medien Hack zum Prinzip zu erheben, wie fuer das Projekt "Amazon Noir" geaeussert[3] haengt so etwas nach. Dem hier-und-besser, -dort-aber-boese. Dem anti-essenziatlistischen inszenierten Kauf/Verkauf eigener Ware an jeweilige Haeuser fuer 10.000,- oder so. Spekatulaeres Faelschen und "Eindringen in massenmediale Kanaele" ist selbst nicht bedingungslos emanzipativ. Bewegung in die Verhaeltnisse kommt mit dem man-weisz-nicht-war-es-fingiert erst Klau von Daten, dann Verkauf von der Instrumente an den Gehackten nur auf der Ebene der Dikussion. Aber welche Bewegung? Manchmal muss man Namen nennen, die dann die eine oder andere Fluchtlinie erklaerbar machen: "Ganz abgesehen davon aber gibt es auch Formen der Kooperation, die über die reine zur Verfügungsstellung von Wissen weit hinausgehen. Ganz besonders möchte ich in diesem Sinne Michael Heinrich danken, der mir in inhaltlichen Fragen zur Seite stand und mir engels-geduldig immer wieder einen Weg aus dem Chaos und den Zweifeln wies. Markus Euskirchen und Stephan Kaufmann haben mir neben wertvoller Redigier- und Formatierarbeit immer wieder verdeutlicht, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht ist. Ingo Stützle und Henrik Lebuhn zwangen mich mit ihren kriti-schen Nachfragen häufig zur Überprüfung bereits getroffener Annahmen. Für die intensive Lektüre und interessierte Diskussion einzelner Passagen und Kapitel danke ich außerdem Klaus Arnold, Mario Candeias, Lydia Heller, Martin Krzywdzinski, Rainer Rilling, Christian Schmidt, Yunus Soner und Anne Steckner, für eine zu-verlässige Rechtschreibprüfung Sonja Euskirchen. Natürlich danke ich auch all den anderen hier nicht genannten Personen, die Teil des Diskussionsprozesses waren, der sich in dieser Arbeit niederschlug. Mein Dank gilt auch meinen Gut-achtern Raul Rojas und Elmar Altvater, der als Erstgutachter die Betreuung auch über seine Emeritierung hinaus fortsetzte und mir wertvolle Anregungen gab. Selbstverständlich danke ich der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Das von ihr gewährte Promotionsstipendium gab mir drei Jahre lang die materielle Freiheit, diese Ar-beit zu verfassen." so "Sabine Nuss" am "25. April 2006," in "Berlin" in ihrem (?) Buch _Copyright & Copyriot: Aneignungskonflikte um geistiges Eigentum im informationellen Kapitalismus_. Muenster: Westfaelisches Dampfboot, 2006. 269 S. - EURO 19,90. Erschienen: Oktober 2006 _____ [1] "Wuetend das Kino verlassen". Interview mit Ken Loach http://arranca.nadir.org/arranca/article.do?id=302 [2] Oder wie man es auch sagen koennte: "Bill Gates schrieb sich 1973 in Harvard ein und brach wenig spaeter dieses Studium wieder ab. Er gruendete Microsoft und ist heute der reichste Mann der Welt!" [3] "Medienhack als Prinzip", E-Mail From: betacity-request(at) betacity-lists.de, Subject: betacity Nachrichtensammlung, Band 91, Eintrag 1, Date: Fri, 15 Dec 2006 11:06:59 +0100 Matze Schmidt Rezension von Sabine Nuss. _Copyright & Copyriot_ 6 im n0name newsletter #100 ======================================================================== Sie erhalten den n0name newsletter, weil sie da sind!/You get the n0name newsletter, because you are there! *Bitte weiterleiten!/Please forward!* (c) © 2006 n0name, die Autorinnen & Autoren und die Maschinen Supported by XPECT MEDIA http://www.xpect-media.de Sponsored by FONDS -------------------- Ende des n0name newsletter #99 --------------------