n0name newsletter #42 documenta-Stadt Mi., 31.07.2002 19:13 CET

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*Inhalt/Contents*
0. Intro
1. I Hate You "I Love You" Part 2
2. letzte freie garage
3. Schnellentwurf fuer (k)eine documenta 12
4. Was ist 3D Open Space? Vers. 0.5
5. Das W-LAN Manifest

16KB, ca. 6 DIN A4-Seiten

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0.

Intro

Wie immer zu spaet, sorry!
"Wer Urlaub braucht lebt verkehrt." Deshalb macht n0name 3 Wochen Ferien!

Ali Emas <ali.emas@n0name.de>

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1.

I Hate You "I Love You" Part 2

Die Computerviren Ausstellung im MAK Frankfurt

Wegen einer 'ontologisch' unmoeglich gewordenen kategorischen
Trennung von biologischem Virus und computergeneriertem Virus werden
Computerviren als (neue) verdeckte, quasi kybernetische Strategie
gegen das totale elektronische Panotpikum gehandelt: sie
reproduzieren sich, sie schreiben sich ein, sie leben. Coding hat
hier den effektivsten Impact, als Programm-Ordnungswidrigkeit, als
Mem, als Alltagspoesie - in Softwareklitschen vetreibt man sich die
Flexibilitaets-Repression schon laenger mit Javascript-, oder
PHP-Gedichten.

Der Mythos der Viren besteht vielleicht darin, dass ihnen eine Art
eigenes Triebleben zugeschrieben wird, welches allerdings
Wunschmaschinen-, Jungesellenmaschinenmaeszig aufgeladen wurde. Der
demiurgische Griff aufs Keyboard bringt etwas hervor, was seine eigene
Macht ist, aber immer dem Referenten verpflichtet bleibt - ganz so wie
elektronische Haustiere und Pokemons. Sie bedienen ein Imago:
guerilla-artig, multitude-ig und unstoppbar sind sie nicht nur
selbstbewegt (1. biologisches Indiz fuer Leben), sondern sie bewegen
auch andere Systeme. Wie Aliens (siehe -> Florian Cramer ueber
Burroughs' "Virus Sprache" im Katalog "I Love You"*) dringen sie ein,
tarnen sich, appropriieren, benutzen, heben die Systemgrenzen auf
indem sie diese neu instruieren. Register des modernen Schoenen tauchen
auf: die Katastrophe (der Computercrash), die Form (Code-Poetry), die
Stoerung (das Popup), der Tausch (Soziale Viren).

"Virus-Kunst" re-investiert, wenn sie politisch gedeutet wird, offenbar
in mehreres, u.a. in einen Neo-Gestus wie er z.B. auch in der taktisch
nahverwandten Branche Graffitty auffaellig ist. Das Werk (das Piece,
der Code) wird zwar als einem Prozess des Oeffentlichen
Ueberantwortetes verstanden, der Ur-Heber aber bleibt als setzender
Autor bestehen. In einer Selbstkriminalisierung wird dann der
polizeilich dingfestzumachende Autor vom Rebellen als Verursacher
seiner selbst in dessen eigenen Arbeits/Lebens-Entwurf rueckueberfuehrt
und als positiv umdefiniertes Stigma gewonnen. Der Impuls der
Kriminalisierung geht nicht nur vom Staat aus! Die Mafia, der
»Staat der Codes« wird von der "AntiMafia" (epidemiC) akzeptiert und
als Trainingsflaeche bespielt. Ewige Rebellion.

'Natuerlich' zeigen "01.org" (Teilnehmer von "I Love You") im
Hochglanzmagazin zur Ausstellung "Manifesta" in Frankfurt/Main kein
Portrait von Personen in schwarzer Kleidung (ihre Verkleidung),
sondern Routerkabelgewirr - der typische Techno-Gestus. PC-Zeitungen
vetreiben Hackerz-Handbuecher auf CD-ROM. Das Innenministerium der
BRD zeigt auf dem Label der "Sicherheits-CD" konsequent den
Symphatietraeger Wachhund**, wie er aus dem Computermonitor
laechelt: Security inkorporiert, "Erste Hilfe fuer Microsoft-User".
_____
* Ausstellungskatalog zu _I love you: Computer_Viren_Hacker_Kultur_
im Museum für Angewandte Kunst von digitalcraft 23.Mai bis 13.Juni 2002.
Schaumainkai 17, D-60594 Frankfurt am Main, Tel: +49 (0)69 212 340 37,
Fax: +49 (0)69 212 307 03. www.digitalcraft.org, www.mak.frankfurt.de

** "Wahrscheinlich gehoeren Sie aber zu den rund 400 Millionen Menschen
auf der Welt, die Zugang zum Internet haben - wenn Sie den auch
nutzen, sind Sie einer von mehr als 25 Millionen Internet-Usern
in Deutschland. _Ins Internet - mit Sicherheit_. Bundesministerium
des Inneren, Bundesamt fuer Sicherheit in der Informationstechnik
(BSI) (Hg.). 2000. Die CD-ROM ist neben ihrem, laut "Bild",
mangelhaften Service eher als erste Werbemasznahme zum Start der
Akzeptanzkampagne der von Innenminster Schily ab 2005 geplanten
Rationalisierung (im Jargon "online-tauglich machen") "staatlicher
Dienstleistungen" einzuschaetzen.

Matze Schmidt <matze.schmidt@n0name.de>

[I Hate You "I Love You" Part 1 im -> n0name newsletter #41.5
http://www.n0name.de/news/news41.5.txt
oder
http://www.n0name.de/news/news41.5.html]

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rubrik stenzel neuneuneu

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2.

letzte freie garage

Eine Garage mitten im Sommer 2002, in einer Stadt an der Ostsee, die als
ehemalige Fischerei- und Werftstadt und ehe-ehemalige Hansestadt nun die
Kulisse fuer Kuesten-Tourismus abgibt. Hier, wo das Kaufhaus Wertheim
sein nun wiederaufgebautes Stammhaus hatte, wird die Backstein-Gotik
zur letzten nachhaltigen Ware des Ortes. Der Rummel erscheint wie
die letzte noch moegliche Disneyfizierung des letzten Winkels.
Das "garage festival" in Stralsund zeigt seine Praesenz im Kontrast
zur Reanimation der City und im Gegensatz zu den Animateuren des Schund.
Auch in Konkurrenz.

Direkt gegenueber wummert der CD Wechsler des "Magic Cranes" von
11 bis 23 Uhr Euro-Hits-on-45 Mixes, wo Ver(w)irrte ihre letzten EUROs
fuer den Versuch investieren, mit betruegerische Kraenen ein Handy oder
einen 50 EURO-Schein zu heben - eine gewisse Redundanz liegt in der
Symbolik. Die Aufmerksamkeitsmaschine ist die effektivste, die am
hellsten und am lautesten schreit. Irgendwann steht dann tatsaechlich
Sound gegen Sound, von der anderen Seite droehnt der andere Beat.
Style Wars oder »Ideologie Krieg«?

Das Fruehstueck ist hungrig und am langen Tisch. Das auf der Hand
gespielte Konzert des Gameboy Artisten (Matt Wand, Programmierung von
nanoloop) ist nicht so gut besucht, drauszen vor der Garage mit dem
kleinen g ueber dem Eingang feiern die Leute am Kanal. Man hofft, dass
man nicht mit einem Minus abschlieszt. Das Geruecht kursiert, jemand
wolle die "Ars Electronica" im September gemaesz ihres diesjaehrigen
Themas unplugged schicken. Die PainStation quaelt nicht wirklich, sondern
macht Lust.

garage
festival fuer kunst, musik und film -- stralsund 26/07-17/08/2002
playground
http://garage-g.de

Matze Schmidt <matze.schmidt@n0name.de>

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3.

Schnellentwurf fuer (k)eine documenta 12

1. Wie heiszt das Buch mit den 10 oder 12 Tips fuer Antiaktionen gegen
die documenta? 2. _Widerstand_? 3. Etatoffenlegung und -kontrolle per
Randomfunktion 4. Aufloesung der documenta GmbH 5. Es gibt kein Konzept
mehr, Qualitaetskriterien werden abgeschafft 6. Hauptveranstaltungsort
ist das ehemalige Gelaende der Ruestungsfirma Wegmann 7. An alle
Besucher werden Laptops ausgegeben 8. Es gibt freien Zugang zu allen
Datennetzen, Rundfunkkanaelen und Gebaeuden 9. Einen Fuehrungsdienst
gibt es nicht 10. Kuratoren werden gekillt! 11. Kein Mensch ist ein
Kuenstler 12. findet nicht statt

Xaver Schulz <xaver@n0name.de>

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4.

Was ist 3D Open Space? Vers. 0.5

1 superkurzes Wissens(v)erklaerungsmodell von A ueber B nach D


A ufmachen: "Open Space" ist eine Konferenztechnik oder
Kommunikationsmethode, mit der versucht wird, Wissensproduktion und
-transfer zu enthierarchisieren. Die Legende will, dass, ausgehend von
der Beobachtung, wirklicher intersubjektiver Austausch auf Kongressen,
Symposien und Meetings finde vor allem informell statt (in der
Kaffepause), es DIE Idee war, genau dieses Phaenomen informellen
Wissenstransfers zu formalisieren. Indem der Aufbau eines Treffens von
Frontalsituationen und One2many befreit wuerde, koenne das
kommunikative Potenzial aller Beteiligten und nicht nur "einiger
weniger" Experten fuer die Produktion von Wissen exploitiert werden
("Everyone is an expert"). Es handelt sich also um eine vermeintlich
basisdemokratisierende Content Management-Methode, mit der moeglichst
viel Performance hergestellt werden soll und deren Vorteil darin
liege, die Pyramide des Top-down in eine flache Hierarchie zu
ueberfuehren (»Horizontalisierung der Top-down-Pyramide«). In einen
Kreis von per se Wissenden treten immer per se Wissende ein, ueber
die Qualitaet des Wissens entscheiden Alle. Radikal angewendet geht
diese Methode soweit, sogar das zu bearbeitende Thema der
Entscheidung der Teilnehmerinnen dieses Offenen Raumes zu ueberlassen.
Open Space wird vor allem im Wirtschaftsbereich wie eine
Aktualisierung des alten "Brain Storming" angewendet.

B ruecken: Uebertragen auf Gesellschaften, koennte die Fantasie
des Open Space (OS) die Revolutionierung von tradierten
Entscheidungsprozessen jeglicher Art verheiszen. Die Relevanz von OS,
detournementiert in eine Taktik, liegt im Bereich sozialer Technik.
Unterscheidet man Technik in »technische Technik« (alle Praktiken,
die Apparate, Maschinen und ihre Peripherien thematisierend beinhalten)
und »soziale Technik« (alle Praktiken, die Individuen, Gruppen und ihre
Peripherien thematisierend beinhalten), dann kann man den Konnex
bilden zum prominenten Phaenomen der Open Source (GNU/Linux).
Open Source (OS), oft synonym mit dem Computer-Betriebssystem Linux in
Verwendung, fuszt auf der Offenlegung proprietaerer Quellcodes, also
unter Verschluss von Copyright gehalteter Information (die selbst noch
kein Wissen ist, sondern erst ausgelesen werden muss, und erst dann
Wissen oder Operation werden kann).
Hiermit sind Aspekte versammelt, die beide Bereiche, technische Technik
und soziale Technik, verbruecken. Dass ist sehr wichtig, denn
wissenschaftlich definitorisch koennen beide Bereiche getrennt
voneinander gesehen werden, politisch offenbar jedoch nie. Sie bilden
ein dialektisches Paar. Die Verbrueckung besteht ganz einfach aus der
strukturellen Gleichung beider Problematiken: wie oeffnet man/wie
oeffnet sich Wissensproduktion? Durch OS + OS !

D imensionieren: 3D Open Space ist - in einem Wortspiel - zunaechst eine
ironische Redundanz von parallelen Raumbegrifflichkeiten. Auf den ersten
Blick ist diese Montage absurd, weil 'wir' Space/Raum (auch wenn er open
ist, auch wenn er closed ist) immer 3dimensional, realraeumlich und
kontinuitaetsgebunden aufzufassen gewohnt sind. 3D und Space als Formel
meint aber die Montage der medientechnisch induzierten Unterscheidung
von physischem Realraum und simuliertem 3D-Raum. Mit Medien und ihren
Netzwerken aendert sich diese wahrnehmungs-ideologische Perspektive
jedoch in Richtung von Verschiebbarkeiten von Raum-Zeitgefuegen
(konsequenterweise muesste man von einem "4D Open Space" sprechen, der
den Faktor Zeit mit einbezieht). Die Gewohnheit, der Habitus eines
kontinuierlichen Realraums wird mit den Immersionstechniken der
3D-Projektion unterlaufen.
Der *Dreidimensionale Offene Raum* (3D Open Space) kann Charakteristika,
im Sinn einer effektiven impactfaehigen Verschaltung der
Kommunikationsmethode Open Space mit der Copyleft-Strategie Open Source
an sich selber aufzeigen. Das liest sich abstrakt, ist aber konkret,
denn nur was physisch geht, geht auch immateriell und vice versa.
Spricht man von Plattformen und Hybriden Arbeitsraeumen, die das Modell
des 3D Open Space vordenken und vormachen, dann sind diese Spaces
(Areale, Foren, Agoras) vielleicht noch zu sehr an kalkulierten
inhaltlichen Programmen orientiert. Ihre radikale Oeffnung fuer Input
wuerde jedoch kreatives Chaos, aber vermutlich auch neue, wenn auch
restriktivfreiere, Exklusionsmechanismen hervorrufen.

Um es superkurz zu machen: Es geht unschlieszlich darum, jeglichen Raum
territorial zu oeffnen und zu schlieszen und zu oeffnen und zu ... ,
also das, was schon immer passiert, in ein transparentes Produkt des
Prozesses zu verwandeln. Dreidimensionale Offene Raeume werden kein
»soziales Plastik« (Beuys) und keine computergestuetzte Transzendens
(Computergames) sein. Sie werden Action-Theorie sein!

Ali Emas <ali.emas@n0name.de>

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5.

Das W-LAN Manifest


Ein Wireless-Local Area Network (W-LAN) ist kein Businessmodell
fuer die pausenlosen, lebenslangen Immernetze IBMgesteuerter
Flachhierarchien zur Effektivitaetssteigerung des Output
Kreativen Potenzials im e-Commerce.

Sie wollen kein Second Home ("kleines Heimnetz") evozieren in
dem man sich von den Muehen des Digitalen Alltags ausruht, um
seinem Hobby Geschenkoekonomie nachzugehen. Ihr utopistisches
Moment liegt nicht im "Vernetzen" relais-artig verschalteter
Communitys auf lokalem und translokalem Level. Sie koennen nur
luxurioes funken und Antennen be-Rauschen. Feiern wir das Aether
Revival! Eine Gigahertzfrequenz ist schoener als ein Kuenstler
aus Lagos.

Zum destruktiv potlatchartigen Ueberfluss der kabellosen
Netzwerke gehoert der Impetus einer abgeklaerten Connectivity,
der es nicht mehr egal sein kann, ob es sich um ein
stillgelegtes Backbone oder die Zonengrenze vom Opal-Gebiet
handelt. Keep on Peacedriving!

W-LANs sind No-Service, sie betreiben ihr eigenes Insourcing.
Wir spielen LANs pour LANs statt l´art pour l´art und
installieren im Funshop den Access Point zum Counterstrike
gegen die grosze LAN-Party der reduktionistischen Trennung von
Management und Produzentin.

Funky Netzwerke sind das Public-Private Interface im
Stealth-Modus unterhalb aller Selbstkontrolle. Sie Guerillapfade
im staatsmafioesen Infobahn-Dschungel. Und wenn sich auch die
letzten 5 Jahre nichts veraendert hat.

Nutzen wir die nexten 3 Minuten im Hotspot!

Kassel, 5.7.2002

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