Veronica_8_158726i.jpg |<------ Breite: 72 Zeichen - Fixed Width Font: Courier New, 10 ------>| B-x n0name nachrichten #145 Do., 11.02.2010 10:13 CET *Inhalt/Contents* 1. Unfertiges Readymade Ursula Panhans-Buehlers Buch ueber Duchamps Flaschentrockner in der vierten Dimension 2. Rezension von Sabine Nuss. _Copyright & Copyriot_ 42 3. Rollen & Stampfen 32 KB, ca. 10 DIN A4-Seiten ------------------------------------------------------------------------ 1. Unfertiges Readymade Ursula Panhans-Buehlers Buch ueber Duchamps Flaschentrockner in der vierten Dimension Der Film _Herzen_ von Alain Resnais, eroeffnet gleich zu Beginn eine Ursula Panhans-Buehlers Fragestellung aehnliche Problematik. Wie wirkt sich es auf praktische Erkenntnis aus, wenn ein paradoxales Moment raeumlich installiert ist? Das Zimmer einer Zweizimmerwohnung -- hier sozusagen epistemologisches Instrument -- ist geteilt, so dass das eine Fenster in beiden so entstandenen Raeumen entweder offen oder geschlossen ist. Nicht gerade das, was Duchamps Darbietung einer zugleich geoeffneten und geschlossenen Tuer war, die als eine Art Vorarbeit gelten kann fuer den Flaschentrockner, der in Wahrheit das in 3D erscheinende Objekt der vierten Dimension ist. Denn das Fenster ist ja nun offen oder geschlossen und nicht beides zugleich, es ist eindeutig; jedenfalls nicht so offen, wie die Gestalt des Flachentrockners, der doch auch geschlossen ist, in seiner Form. Kompliziert. Doch fuer die Bewohner der beiden Raeume, die sich durch die Wand getrennt sehen, ist das mit dem Fenster so oder so ein grosser Unterschied. Entweder sie erfrieren beide oder sie ersticken, beides sicher nur im uebertragenen Sinn. Strenggenommen ist also nicht die Installation Kernproblem und Gegenstand, sondern die beziehungsvolle Umgehensweise damit. Dies alles nur als ersten Hinweis auf das, was Ursula Panhans-Buehler vorfuehrt, wenn sie in ihrer nun erschienenen Habilitationsschrift (vor bereits ueber 14 Jahren verfasst) Duchamps Flaschentrockner und weiteres von ihm scheinbar (!) ueberdeutet, ueberinterpretiert, ueberschreibt. Man muss zum Verstaendnis vielleicht kurz auf Panhans-Buehlers Herangehensweise eingehen, die genaugenommen keine Herangehensweise ist, keine Methode. Eher eine _science-vivre_, oder in besserem Franzoesisch eine _science de vivre_. Sie ist schon garkeine Life Science, aber auch keine science de l'art, also keine Kunstwissenschaft, wogegen sie sich im laufenden Betrieb der Hochschule verwehrte. Kunst kann man demnach, so muesste man aus ihrer Einstellung schlieszen, nicht positivistisch naturwissenschaftlich wissen. Man kann sie geschichtlich erzaehlen (ein Standpunkt, dem ich nicht bedingungslos folgen wuerde), also wiederum, gerade in Anbetracht ihrer historischen Gewordenheit, nicht nur geschichtlich erfassen. Das verbindet sich aber ganz und gar nicht mit Nichtwissen oder Pseudogeisteswissenschaft, obwohl diese Verbindungen da sind. Nur diese Verbindungen werden nicht voll bestaetigt, hoechstens die Trennung in Wissenschaften und Geisteswissenschaften und selbst diese ist Kunst nicht heilig -- nicht erst seitdem die Schering Stiftung auch Parabolfluege fuer ein paar Videoaufnahmen bezahlt, die Celebrity mal geschenkt[1]. Die Angelegenheit ist, gefaehrlich genug, keine der klaren Absetzung in Rationalitaet und Mystik, da die Demystifikation sich mit der Mystik gut auskennen muss. Und es kann sein, dass die rationale Sprache ueber die Dinge als ihr Medium mehr mystifiziert, als sie damit selbstreflexiv herausrueckt. Schlussendlich wird aber doch eine nachvollziehbare und nicht nur behauptete Position herauskommen, meint man. Ja, kann man antworten, aber nicht unbedingt bei der Autorin. Lesen ist schlieszlich keine Reproduktion. Womit man mitten im Gegenstand (oder beim?) des Buches waere. Das Buch oder genauer sein Inhalt wird naemlich selbst zum Gegenstand gemacht. Und damit legt Ursula Panhans-Buehler das Allwissende Szientistische ab, indem sie das Objekt, das wir schon zu haben glauben, ikonografistisch neu und immer wieder rotierend neu reflektierend verzaehlt. Indem sie also die Verwissenschaftlichung ernst nimmt. Die "Freiheit der Indifferenz" als zu bearbeitendes Item ist nur zu haben, wenn man sich ihr stellt. Ob dies eher mutmaszliche Freiheit ist, bleibt abzuwarten. Verzaehlen meint nun nicht, dass der Endbetrag nicht stimmte, es ist ja noch nicht einmal die exakte Ausgangssumme bekannt. Daher muss erst einmal alles zusammengezaehlt werden, was Duchamps Unterlaufen des ihm bekannten Geschaefts so mit sich bringt. Was alles an Artefakten wie aufgeladen wurde, was auf welche Weise seine Apparence, seinen Anschein und sein Aussehen findet. Die Kunstgeschichte als narratives Wissen in ihrer Vermittlung wird diese darzustellen haben. Nach Hans Heinz Holz waere die Fertigware in den aesthetisierenden Zusammenhang der Kunstausstellung geholt die zum Kunstfetisch gewordene Ware, die auf nichts anderes mehr als ihren Besitz als Bedeutungsebene hinweist. Damien Hirsts Diamantenschaedel und dessen Kaeufer (die sogar um Preisnachlaesse betteln) scheinen das zu bestaetigen. Dennoch spricht Holz, und das kann man nicht _am_ Diamantenschaedel, sondern nur in seinem Kontext erkennen, dem fertigen Objekt ja auch eine Verdinglichungsebene zu, die nicht voll im Fetisch aufgeht. Diese ist weder voll gegeben noch gesetzt. Verdinglichung haelt ja immer den Rest eines Sinns, der noch nicht verdinglicht wurde. Oder anders: Jedes materielle Ding, industriell oder nicht, bedingt nunmal Sinn. Nonsense ist davon nur die Unterkategorie. Nichts geht vom modernen Fetischobjekt aus, alles wird an ihm gesehen. Es bekommt einen Selbststaendigkeitscharakter, der seine Dinghaftigkeit gerade durch den gewussten Kult -- Panhans-Buehler spricht mit Duchamp vom Cargo-Kult -- verschleiert bekommt. Das wird dann aesthetisch genossen. Jedes Readymade im Feld der Kunst ist daher unfertig und wird nur dann zur Waren-Ware, heisst zur Ware mit absoluter Warenfunktion, dessen Gebrauchswert es ist, eben Ware zu sein, durch die Norm des Betriebs. Oder zirkelhaft ausgedrueckt: Nur an der Ware kann die Warenwelt sich zeigen. Das alles sind keine neuen Erkenntnisse. Nur soviel, Duchamp brauchte diese Norm fuer seine Subversion oder genauer, er hat sie mit-gemacht und somit zur Anscheinen gebracht. Als Agnostiker selbstverstaendlich. Und der Agnostiker bestaetigt mehr als er zweifelt. Ein unanschauliches Anscheinen aber, eines das man nicht sehen kann. Das aber, etwa im Schreiben, verhandelt werden muss. Die Autorin bezieht sich Quellensicher aufs Fuehlen, ich denke da eher an intellektuelle Taetigkeit. Jede Galerie, die von der Imageaufwertung von Kunst ueberm Sofa profitiert und dann doch aufgeben muss, verdeutlicht das in ihrer Metaperformance. Kunst selbst hat ein Image. Imageologie und Imaging-Diskurs meinen das zu behandeln. Es ist das Thema der Geschichte der Kunst seit ihrer Entdeckung durch das Buergertum bis 'hinab' zu Comics als Kunst oder Bierflaschen/Bierbrauen/Biertrinken als Kunst. Der Werbung kam bald zu, brauchbarer Sinntraeger zu sein, fuer was die repraesentative Kunst nichts mehr uebrig hatte. Duchamp habe das alles frueh im letzten Jahrhundert auf einen Nullpunkt gebracht. Seitdem sei jedes Kunstwerk nur noch Fetisch der Fetische, oder ohne Werkcharakter und Erkenntnisauftrag, ergo nur das Leben selbst und demnach nichts. Nun musz man Duchamp anders lesen, wird hier gesagt, denn hinter dem Nichtkonsumierbaren Konsumding, stehe ein Konsumierbares, das weder Religion, weder Wissenschaft noch Tauschobjekt ist. Duchamp kann demnach nicht der Zerstoerer, sondern nur der sein, der resettet hatte. Am Unfertigen laesst sich aufbewahren, was ueber es symbolisch noch oder eben seit ungefaehr 1914 nun wieder, aber nur unter Schmerzen gesagt werden kann. Die Frage ist nur, ob Ursula Panhans-Buehler nun das Unfertige des Readymade als Medium fuer Erfindung von Sinngehalt sieht. Ob sie also einen anderen (?) Sinn jenseits seiner gesetzten Funktion als Bedeutunsgraeger abgewinnen mag. Reclaim Meaning. Ja, das liegt ja auf der Hand. Nur tut sie das in einer gleichzeitigen Infragestellung indem sie abschweift, Geschichten erfindet, Notizen und Skizzen von Duchamp paraphrasiert. Sozusagen als Anathema, als Widerspruch in der Bejahung des Gegenstands. Wohlgemerkt, der banale Gegenstand ist der Flaschentrockner. Seine Banalitaet geht verloren auf ueber 190 Seiten, auf denen das intuitive Wissen -- eine wichtige Konstante in Panhans-Buehlers eigener Lehre, so darf man sagen -- befragt wird. Im Kopf geht naemlich alles: Gedankenexperiment. Gewiss, der Flaschentrockner ist ausserhalb seines Gebrauchs als solcher keiner mehr, und deshalb bringt er, herausgefallen aus der Warenfunktion, herausgefallen aus der ueblichen Gebrauchsfunktion, zerobjektiviert einige Eigenschaften mit, die sich nur zu gut in der Welt der Zuschreibungen im "Metapherngestoeber", wie Panhans-Buehler erkennt, quasireligioes verticken lassen. Um dem zu entgehen, muessen die wahren und unwahren Geschichten wie gesagt ersteinmal aufgeschrieben werden, um Enscheidungsgrundlagen zu haben. Ein einfacher Vorgang. Nur woran wird das Erzaehlte gemessen? Panhans-Buehlers These ist ja, dass sich nicht beliebig mit der Sinnhaftigkeit umspringen laesst. Das bereits stillgestellte Objekt, also der Komplex Duchamp-Readymade-Kanon, kann nur dann geoeffnet werden, wenn von neuem hypothetische Prozesse gefuehrt werden. In vorgefuehrten Schauspieleinlagen und Kurzgeschichten wird die Suche nach der vierten Dimension, welche neben den drei bekannten Raumdimensionen nicht synonym mit der vermutlich nichtraeumlichen Zeit verstanden werden kann, wird abenteuerlich und mit Rueckgriffen auf Aufzeichnungen Marcel Duchamps praezisierend holzwegig das durchgespielt, was Duchamp in Formeln zu packen versuchte. Das Hypostasierte wird aber nie erreicht, nie voll aneigbar, nur vorgestellt. Etwas, das man bei der Suche nach bisher unbekannten Teilchen der Materie im CERN und den dort gepflegten Parallelwelten der nichtmessbaren Materie neben der messbaren immer mitbedenken muss. Die Ergebnisse werden berechnet. Zwischen uns und dem Unbekannten liegt das System Wissenschaft -- und ermoeglicht Erkennbarkeit. Doch fuer was ich nicht messen kann, weil keine Instrumente und Ausgangsmaterialien vorhanden, muss ich literarisch sein. Damit steht diese Kunst neben Wissenschaft und Religion, und kapitalistischer Warenwelt sowieso. Ihre Autonomie ist damit um so anfaelliger. Der Begriff des allegorienhaften Sinnbilds, im Gegensatz zur Metapher ist entscheidend. Die Allegorie, hier gleichsam ein wortreiche Maschinerie des sich selbst erklaeren wollenden Bildgebers fuer einen Forschungszweck, laesst wenig Spielraum fuer die Verfolgung und Verzaehlung der These, das geht nicht beliebig. Was da statthaft ist muss aber strittig werden, wird altmodisch discours, Abhandlung nicht Diskurs. These ist, dass das Sichtbare Dreidimensionale Hinweise darauf enthaelt, was eben nicht nur drei Dimensionen hat. Das sachlich Gegebene steckt aber voller Schwierigkeiten, dieses "nur" auf diese hypostasierte Vierdimensionalitaet zu bringen. Nur von was wird hier hypostasiert, von was wird abgeleitet? Oder mit Kant (?) Welchem Gedanken wird hier eine gegenstaendliche Realitaet untergeschoben? Mit Duchamp waere die uns bekannte dreidimensionale Welt eine Projektion der vierdimensionalen. Aber, da muss man streng sein, es handelt _sich_ um garnichts. Nur die Apparition, das Auftreten eines solch vermuteten Wesens bringt in der Interpretation, und nur in der Interpretation eine empirische Evidenz zustande. Das macht also Duchamp nicht allein. Es geht demnach weniger um die Ausdeutung eines Werks von Duchamp. Aber nicht blosz der deutungs-politische Akt des Durchgangs (dis-cours), nicht nur die Art und Weise der Darstellung stehe zur Debatte. Descartes bleibt folgenreich Grundlage auch fuer die nicht nur persiflierende Pataphysik, auf welche sich Panhans-Buehler -- sozusagen gut pataphysisch -- weder zustimmend noch ablehnend bezieht. Sagen wir: Der Aufbau des Fetisch der Erkenntnis und seine Enttaeuschung. Wenn der Flaschentrockner im Duchampschen persoenlichen Universum mit Allgemeinheitsanspruch als ein "geistiges Sinnbild" verstanden werden soll, so guelten die Stellen im Buch als aufschlussreich, in denen es um die Widerstaendigkeit der Kunst geht. Die Produktivitaet dieser Branche ist dann nicht in ihrer Produkteherstellung, den "Arbeiten" wie Ursula Panhans-Buehler kritisiert, zu suchen. Die "unheilige Trias von Geld, Geist und Produkt", so bliebe aber anzumerken, ist mithin der verfaelschend und zugleich entlarvende Blickwinkel. Da der Blick auf diese drei die vierte Dimension der Verhaeltnisse noch nicht sieht, deren Apparence UND Apparition die ersten drei sind -- auch wenn das eine dem Rezensenten moeglicherweise nicht zustehende Inanspruchnahme des Themas des Buches ist. Die Autorin unterschied mit Duchamp naemlich beide (Apparence und Apparition) voneinander als Erscheinung und Auftretendes, also als Manifestation und Verlaufsform. Da es sich systematisiert gesehen um Skulptur handelt, waere demnach das erstere als die Form des Gusses, das zweite als die Form des Giessens. Jeder, der roten oder anderen Wein trinkt, wird diese Unterscheidung nachvollziehen koennen, wenn die Flasche leerer wird, wie sie kenntnisreich erlaeutert. Etwas feiner gesagt, das Geld ist der Schein, waehrend dem entlohnten Geist sein Produkt genommen wird. Entzug oder Verweigerung also auch hier. Unterstellen kann man Ursula Panhans-Buehler, dass sie in Anwendung der Verschiebungen wissenschaftlicher Arbeitsweisen nach Duchamp und in der Unterschreibung der Verweigerung dem Nuetzlichkeitsdogma gegenueber, genau diesen, mit ihm neu formulierten Unterschied in der Funktion der Kunst in der zerstueckelten Gesellschaft explikativ, jedoch aussertextuell klar macht. Freilich anhand des Lesers und seines Anteils an der Publikation. Der Skeptizismus Duchamps ist das Problem. Dass sich eine gefeierte gegenwaertige Generation von Dokumentaristen und Sozialartisten mit diesem geradezu traditionellen Gestus weniger zufrieden geben will und gerne mitregiert, ihn aber als Haltung mittraegt, steht in dicken Katalogen. Das Buch von Ursula Panhans-Buehler, die vor kurzem erst in Kassel mit standing ovations emeritiert wurde, ist im Verlag Philo Fine Arts in Hamburg erschienen, kostet 14,00 EURO, traegt den vollstaendigen Titel _Gegeben sei: die Gabe -- Duchamps Flaschentrockner in der vierten Dimension_ und ist gebunden mit Lesebaendchen. _________________________ [1] "Oh! yes, Agnes Meyer-Brandis is very beautiful. She's also bright, talented and from what I gathered from the interview I made of her, she's a really nice person." (http://www.we-make-money-not-art.com/archives/2006/11/interview-with-1.php) Matze Schmidt -----------------Nur noch bis 17. Feb. 2010 15:00:03 MEZ---------------- T-Shirt "Shah Rukh Khan's Kopf" von t-shirtz.org http://cgi.ebay.de/ws/eBayISAPI.dll?ViewItem&item=320487385431&ssPageName=ADME:B:EF:DE:1123 -------------------------t-shirtz.org by n0name------------------------- 2. Rezension von Sabine Nuss. _Copyright & Copyriot_ 42 ... die Geschichte und Geschichtlichkeit der Eigentumsverhaeltnisse. Und die Relativitaet des Eigentums, dessen Status in der buergerlich kapitalistischen Demokratie das Scharnier zu ein scheint, um das sich Herrschaft dreht. Herrschaft und nicht abstrakt _Macht_. Und das Internet, so befand ein Bundesgericht in Australien, ist doch nicht boese: "Allein die Bereitstellung des Internets ist noch keine Rechtsverletzung". Aber wiedereinmal "Good Copy Bad Copy": Dialektik Not Found (aka 404).[1] Aber: "Meet me now! 25 Berlin, Germany" und es geht nach: http://adultfriendfinder.com/search/p196827.subpiratebay?max_age=24&country=Germany&override=1&photo=2&ip=auto&show_city=1&min_age=18&pg=1&pb=50706610 Wir erinnern uns: "Während in den „urkommunistischen" Gesellschaften also nicht der Kontrakt isolierter Privateigentümer die Produktion und Verteilung regelte, sondern ein" -- und jetzt geht es weiter (Zitat:) "Produktionsplan und Verwandtschaftsbande, löst sich dieses System mit dem 11./12. Jahrhundert wieder langsam auf. Mit der „kommerziellen Revolution" entste-hen wieder Städte, Handel und Geldwirtschaft nehmen zu, und statt der alten Verwandtschaftsordnung wird das römische Recht wieder aufgenommen und geht in das Kirchenrecht ein (siehe dazu unten). Die im Mittelalter vorherrschende Produktionsweise drückte sich in einer spe-zifischen Eigentumspraxis aus, die mit Heide Gerstenberger „feudale Aneignung" genannt werden kann: - „Feudale Aneignung umfaßt (...) nicht nur Aneignung in den Formen der Grund-, Bann-und Lehensherrschaft, sondern auch kriegerische Aneignung, die Aneignungsform der Heirat und die Ausnutzung herrschaftlich sanktionierter Handelsprivilegien" (Gerstenberger 1990: 504). Der Sachsenspiegel (entstanden 1220 - 1230), eine der wichtigsten Rechtssamm-lungen des Mittelalters, reflektiert diese Vergesellschaftungsweise. Das Buch - zuerst auf lateinisch, dann auf niederdeutsch erschienen - besteht aus zwei Teilen: dem Landrecht (das Gewohnheitsrecht des Bauernvolks) und dem Lehnsrecht (die Ordnung des Adels). Nach Wesel ist es das statische Recht „einer tauschlosen Eigenwirtschaft, in der es im wesentlichen nur Abgaben an den Adel gibt" (Wesel 1997b: 317). In der deutsch-rechtlichen, mittelalterlichen Sprache existierte kein abstrakter Eigentumsbegriff, vielmehr fand sich entsprechend der vielfältigen Besitzverhältnisse jener Zeit eine Vielfalt an Worten: „`eigen' (-`turn', -`schalt'), `erbe', `gut', `fahrende habe', len', `leihe', 'gült', `zins', leibzucht' usw." (Brunner, et al. 1975: 66). Auch die römisch-rechtlichen Begriffe dominium und proprietas, die mit dem 13. Jahrhundert zunehmend Eingang fanden in mittelalterliche Schriften, konn-ten nicht ohne weiteres übernommen werden, sondern mussten - den mittelalter-lichen Verhältnissen entsprechend - modifiziert werden (vgl. Brunner, et al. 1975: 70). Bezüglich der Adaption der römisch-rechtlichen Begriffe im Mittelalter kam der Rechtshistoriker Dietmar Willoweit in einer wortgeschichtlichen Untersuchung zu dem Ergebnis, dass vor dem 12. Jahrhundert das Rechtswort dominium eher mit unserem Begriff der „Herrschaft" zu übersetzen ist, wobei der Inhalt dieses Herrschafts- oder Gewaltverhältnisses sehr verschiedener Art sein kann. Es kann sich um das dominium eines Königs oder eines Volkes, eines Bischofs oder eines Vaters handeln und es kann schon auch das dominium bezüglich einer Sache gemeint sein, aber: „Ein engerer Bezug zwischen dominium und Eigentum ist nicht nachweisbar. Im Hori-zont des Rechtswortes dominium ist die Herrschaft über eine Sache nichts anderes als eine weniger wichtige species des weit umfassenderen Herrschaftsbegriffs, der durch den Sprachsinn des Wortes dominus konstituiert wird." (Willoweit 1974: 135, Hew. i.O.). 148 Auch der Begriff proprietas habe im Sprachgebrauch der Quellen bis weit in das 13. Jahrhundert hinein nichts zu tun mit einem Eigentumsbegriff, der - auf Sa-chen beschränkt - Herrschaft und Ausschluss Dritter gewährt (Willoweit 1974: 138). Proprietas wird sowohl auf „Eigenleute", also Menschen bezogen, wie auf Rechte, beispielsweise das Holzrecht. Die beiden Rechtswörter dominium und proprietas könnten damit keinesfalls als Synonyme verstanden werden, sie „ent-sprechen weder einzeln noch miteinander verbunden dem modernen Eigentums-begriff" (Willoweit 1974: 139). Eigentum im Mittelalter meinte demnach mitnichten die Macht ausschließlicher Verfügung über die Sachen (Hecker 1990: 74). Für das mittelalterliche Rechtsdenken standen vielmehr „konkrete, gewachsene Rechte im Vordergrund, die vielfach gleichzeitig mit der Verfü-gung über den Bodenertrag die Herrschaft über seine Bewohner zur Folge hatten, aber durch Pflichten gegenüber dem Lehnsgeber einerseits und gegenüber den Bewohnern andererseits begrenzt waren." (Rittstieg 1975: 3; vgl. auch Römer 1978: 40 ff.). Somit entspricht der römische Eigentumsbegriff nicht der sozialen Welt des Mittelalters und konnte erst mit dem Entstehen des Kapitalismus wieder Wir-kung erzielen.19" Wie Kapitalismus auch auf dem Papier entsteht. "6.5 Die Legitimation individuellen Eigentums durch Thomas von Aquin Ein Zeitgenosse des mittelalterlichen Aufschwungs und zugleich einer der wich-tigsten Theologen der Kirchengeschichte ist Thomas von Aquin. Bezüglich der Untersuchung zum vorkapitalistischen Eigentum nimmt er eine zentrale Stellung ein, da man vielerorts davon ausgeht, dass mit ihm der erste Schritt getan sei, der von der Tolerierung des Eigentums schließlich zu jener Auffassung führt, „die jeden Angriff auf das Eigentum als Verstoß gegen den göttlichen Willen hinstellt" (Salin 1967: 34). In der um 1270 erschienenen Summa Theologica formulierte er die erste große Rechtfertigung des individuellen Eigentums innerhalb der scholas-tischen Philosophie. Thomas von Aquin hat sich damit gegen eine starke Tradi-tion gestellt: Die Kirchenväter lehnten den Gedanken ab, dass die ursprüngliche Gütergemeinschaft historisch gewesen sein soll (vor allem zu nennen ist hier Ambrosius 339 - 397). Vielmehr handle es sich dabei um ein naturrechtliches ______________________________ 19 „Mittelalter und Altertum kannten sehr wohl einzelne Privatrechtsinstitute; aber da ihnen eine einheitliche Ausrichtung nach rein ökonomischen Gesichtspunkten fehlte, die politisch-ständische Stellung des Einzelnen ausschlaggebend war für Erwerb, Besitz und Verlust aller irdischen Güter, so konnte auch hier der moderne Eigentumsbegriff nicht entstehen. Denn dieser setzt ein ziemlich hohes Maß an Verselbständigung und. Gebrauchsrationalität der Eigentumstitel voraus" (Kirchheimer 1972: 10). 149" Anzumerken waere an dieser Stelle, dass der "moderne Eigentumsbegriff" den Verhaeltnissen folgt und nicht umgkehrt. Verschiedentlich wurde gefragt, ob es denn Sinn mache, ein solches Buch ueber Jahre hinweg zu besprechen. Manche Lesekreise benoetigen nur knapp 1-2 Jahre fuer 200 Seiten. Im Vordergrund steht ja die Selbsterklaerung. Fuer Lesemuede ist hier bereits 2007 eine Kurzversion erschienen: "Rezension von Sabine Nuss. _Copyright & Copyriot_ 21: Tolpatschige Kopierkatzen" http://www.n0name.de/news/news117.txt _______________ [1] Noch nochmal nochmal nochmal DJ Danger Mouse' Geschichte usw., der, der am dem Grey Album 2004 nichts, 2006 zusammen mit Cee-Lo Green und dem Retroneo-Hit "Crazy" alles verdiente. also sich aneignete. Der Film _Good Copy Bad Copy_ ist zu bekommen als flv auf http://www.goodcopybadcopy.net [12.02.2010] Ach ja, und nochmal The Pirate Bay, dessen "Schwarm" 2009 dezentralisiert" wurde, also ohne zentralen Tracker dasteht. Ali Emas/Susi Meyer ------------------------------------------------------------------------ 3. Rollen & Stampfen (www.38317.tk) Ich hab gehoert, es geht um Gott Und einen Vater, der opfert z.B. seinen Sohn Aber Mythen interessieren hier nur bedingt, oder? Ein Prediger im Anzug steht auf der Buehne[1] Christ, Buddhist oder was auch immer[2] Und der jault immer wieder Hallelujah Hallelujah, Hallelujah[3] ... Wer profitiert von diesem Konflikt? Wer hat hier wen getrieben? Wollen die einen die anderen vertreiben, ist es so? Der Grenzstreifen ist geraeumt Jemand aus dem brennenden Olivenhain ruft: "Hamas" und die Antwort: "Allah Akbar"[4] Allah Akbar, Allah Akbar ... Brennende Oefen werden geleugnet Aelter als wir sind ist der Krieg Siedler an der Front feiern einen Sieg Kommt, wir werfen sie ins Meer Die Geschichte von Semiten ist bereits rassisch[5] Auf Deiner Flagge steht blau auf weiss Shalom Shalom, Shalom ... Los jetzt, den Herrn preisen! Die Herren und ihre Heere Verdraengtes Judentum plus Staatsmacht ist gleich Christenheit Zu Weihnachten gibt es Gaensebraten Der Ersatzkaiser sagt die Bibel ist das wichtigste Buch[6] Und du sagst immer zu allem Ja und Amen Ja und Amen, Ja und Amen ... Der Dalai Lama laechelt nur Die gelbe Robe ist purer Zynismus Sie muesste genaugenommen eigentlich blutrot sein Yangkyi tippelt mit dem Einkaufsrolli durch die Stadt Sein Cassettenrecorder spielt ohne Unterlass Es droehnt, es klingelt Hare Krishna[7] Hare Krishna, Hare Krishna ... Eine Kirche ist eine Reinigungsfirma Fuer Seelen und fuer Geldwaesche, ja Sie verkaufen spirituelle Freiheit und die reinste Wahrheit (Aha) Vielleicht bist du krank, du weiszt es nur noch nicht Jetzt machen wir mal einen Test l’homme machine, Filmstars, ScienceFiction, Scientology[8] Scientology, Scientology ... Im Alter werden Popstars nervoes Wenn Plattenvertraege platzen werden sie religioes Ihre Lieder sind blosz noch Repitition gleicher Klaenge in Worten Auf das Bewaehrte kann man sich nicht mehr verlassen Der ganze Hassel ist ein Hip-Hop Beat Nach Blues kommt Schwulst kommt Jazz kommt Rollen & Stampfen Rollen & Stampfen, Rollen & Stampfen Rollen & Stampfen, Rollen & Stampfen Rollen & Stampfen, Rollen & Stampfen[9] ... _______________ [1] Leonard Cohens "Hallelujah" bedient offenbar das Beduerfnis nach eintraechtig saekular-religioesem Sing-Sang. Es ist ein oft nachgespieltes Lied, einige Versionen sind auf Youtube zu finden, Schuelerbands erfreuen ihre Eltern mit dieser gospelig-psalmischen Antirebellion. 2008 sang das Publikum mit wedelnden Armen in Cohens Konzerten mit, wie beim Erweckungserlebnis. [2] Die ersten Zeilen des Originaltextes von Cohen (von 1984) nehmen direkt Bezug auf das Alte Testament -- auf Davids Lautenspiel; die Einfluesse biblischer Poesie auf das 'dichterische Popularlied' westlicher Bauart sind riesig. Lou Reed, der fuer Cohen die Laudatio bei dessen Aufnahme in die "Rock'n'Roll Hall of Fame" sprach, sang auf dem Album _New York_ in "Straw Man" noch irgendwie kritisch aber dann doch wohl haeretisch vom "self-righteous rock singer / whose nose he says has led him straight to God", jetzt ist er mit Cohen und U2 ("Gloria in te Domine") in bester Gesellschaft. Auch weil er sich in seinem Spaetwerk-Lied "Who am I" fragt, wer den Himmel gemacht hat und zur indirekten Antwort eben Gott angibt. Was man Johnny Cash vielleicht alles mal noch verzieh, weil er unverschuldet im Bible Belt gross wurde, kann man den intellektuellen Saengern-Liederschreibern aus den Metropolen nur vorwerfen. Cohen wurde radikalerweise in den 1990ern buddhistischer Moench. Zur Erklaerung: Haeretisch ist ein Haeretiker, ein Haeretiker ist ein anti-kirchlicher Glaeubiger, der es besser als die Kirche weisz, also ein Verteidiger des wahren Glaubens, fuer die Kirche ein Ketzer und demnach zu bekaempfen oder zur Raeson zu bringen. [3] Hallelujah ist Hebraeisch und heisst "Lobe Gott". [4] Die Ueberkomplexitaet des Konflikts zwischen Palaestinensern und Israelis hat wenigstens diese fragwuerdigen Topoi: Wem nuetzt der dauerhafte kriegsaehnliche Zustand? Wer foerdert deshalb die Vertreibung? Neben der Frage, ob Israel mit der Shoah als Legitimation der eigenen nationalen Existenz, der Vorposten des westlichen Kapitals auf der arabischen Halbinsel sei, glaube ich nicht an antikapitalistische Motive einer Hamas. Es muss klar werden, dass die ethische-religioese Ebene, die Verhandlungsebene von sich bekriegenden Maechten um Vorherrschaft am Ort ist. [5] Die Rassentheorie drueckt, und heute die Ethnien-Anschauung, konsequent brutalst die Trennung in menschliche, gegeneinander agierende Gruppierungen aus. Wo diese weiter ausgebaut werden, gewinnen Imperiale. [6] Der neue Rassismus, die Ethnien-Anschauung, und die nur vordergruendig ueber die Vernichtung von Menschen im zweiten Weltkrieg aufgeklaerte Gesellschaft sind Teil der Verdraengung der Geschichte. Sie kommen in einer neuen Gleichschaltung in der BRD zusammen. Die Bibel kann (das sagt am Ende des 00er-Jahrzents der deutsche Praesident offen), da sie von vielen schriftorientierten Religionen respektiert wird, im Land die Funktion der mentalen Zentralisierung bekommen. Dieses wiederum vermeintlich aufgeklaert, genau an der Schnittstelle an der auch Cohens Song Saekulare, Atheisten, Agnostiker und Glaeubige pluralistisch mediatisiert: Du kannst auf religioes machen, ohne zur Kirche oder zur Religion ueberhaupt ueberzulaufen zu muessen. Es ist das gebrochene Verhaeltnis zur eigenen Religiositaet, die von den Institutionen auf Leute wie Cohen uebergeht. Was dieser zwar konnotativ offen, aber ehrlich genug ausspricht: "it's a broken Hallelujah". [7] In den Grossstaedten laufen die Vereinzelten oder sektiererischen Esoteriker herum, und tanzen um regenbogenbunte PACE-Fahnen Ringelreihen. (Wobei der Anwurf des Sektierertums Einhelligkeit voraussetzte.) Die ausbeuterische Geschichte der Religionen wird gerne vergessen, ihre aktuelle gerne verbal aufgehoben. Diese Geschichte wird mit der Position Israels nicht bessser. Im Gegenteil, die Nation mit dem Label Davidstern stellt sich gegen die, sicherlich tendenzieoesen, aber eben gegen die Berichte der UNO und damit auch gegen Fakten. Eine UN-Glaeubigkeit stellt diese Feststellung nicht dar. Das "Hare Krishna" ist wieder das schon vom Hallelujah her bekannte Mantra zum Lob Gottes. Dieser Gott tritt hier in Form von Krishna, einem Avatar von Vishnu auf. [8] Die Church of sowieso ist die mafioese Konkurrenz zur Staatsreligion, dem legalen Staat im Staate. Deshalb wird sie, natuerlich nur halbherzig, bekaempft. [9] Niemand mehr kann Pop oder Rock oder seine Generika fuer rein oder "eher" emanzipativ halten, und wer Elvis auch nur ein wenig studierte, konnte das auch auch bisher nicht tun. Die adornitischen Apologeten und Verfechter des Endes der Popmusik meinen damit vor allem ihr eigenes linkes Ende im Speckguertel derselben. Als Kritiker dieser so abgelegten falschen Vergangenheit werden sie freilich weiter feuilletonieren. Sie sind gewissermaszen vom Glauben ab- oder vom Goldberg gefallen. Golderg?: Danny Goldberg. _Bumping Into Geniuses: My Life Inside the Rock and Roll Business_ -- wer hats nicht gelesen? n0name, 29.12.2009 ------------------------------------------------------------------------ Hier entsteht eine neue Internetschallplatte ! http://www.n0name.de/38317/krach ======================================================================== Sie erhalten den n0name newsletter, weil sie da sind!/You get the n0name newsletter, because you are there! *Bitte weiterleiten!/Please forward!* Archiv: http://www.n0name.de/newsletr.html (c) 1999-2010 n0name, die Autorinnen & Autoren und die Maschinen Unterstuetzt von XPECT MEDIA http://www.xpect-media.de Sponsored by FONDS Dank an >top e.V. ------------------- Ende des n0name newsletter #145 --------------------