... .+++++CCCMMMMMMMMMMMMMMMMCCC+++ CMMMMMMMCCCCC+++++++..........+++++CCMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMM CMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMM CMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMM CMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMM CMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMM CMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMM MMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMM CMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCMMC CCCCCCCCCCCCMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCC+ CCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCC+ CCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCC+ CCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCC+ CCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCC+ CCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCC+ ++CCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCCC+++++++++..................++++++ ........++++++++++++++++++++++++++++.................................... ........................................................................ ........................................................................ ........................................................................ ........................................................................ ........................................................................ .............................................. ..... .......................... DEUTSCHE MEDIENkulturtheorei |<------ Breite: 72 Zeichen - Fixed Width Font: Courier New, 10 ------>| 0-) n0name nachrichten #136 So., 10.05.2009 12:20 CET *Inhalt/Contents* 1. verteidigt das Portal der Fantasie aus: _3000/futuristische Phantasmen und aktuelle Fantasien der Technokultur 3.2_ (Fortsetzung aus nn #135) 2. 2010 - Das Jahr, in dem wir die Krise bekommen Rezension von Sabine Nuss. _Copyright & Copyriot_ 40 voraussichtlich im n0name newsletter #142 24 KB, ca. 7 DIN A4-Seiten ------------------------------------------------------------------------ 1. verteidigt das Portal der Fantasie (Fortsetzung aus n0name newsletter #135) Als Fokus des Aufeinandertreffens gegensaetzlicher Konzepte fuer schoep-ferische Taetigkeiten mit und in den computerzentrierten Medien haben sich die Handhabung wie die Gestaltung von _Interfaces_ herausgestellt. Jene Grenze zwischen Mediennutzern und Medienapparaten, die im Deutschen treffender Schnittstelle heiszt, trennt und verbindet zugleich zwei unterschiedliche Welten: einerseits diejenige der an den Maschi-nen Taetigen, andererseits diejenige der aktiven Maschinen und Pro-gramme. Die technologische Entwicklung wie auch die dominanten Medienkonzepte der 1990er liefen darauf hinaus, die Grenze zwischen beiden unmerklich zu machen. Man sollte einen Computer benutzen lernen, ohne zu merken, dass man es mit einer algorithmisch aufge-bauten Maschine fuer Kalkulationen und Simulationen zu tun hat. Man sollte in eine so genannte virtuelle Realitaet von Bildern und Toenen ein-tauchen koennen, ohne zu spueren und noch mehr: ohne zu wissen, dass man es mit einer praezise vorstrukturierten, berechneten Konstruktion von Oberflaechen und Zeitverlaeufen zu tun hat. Die Computer wur-den fuer ihre Benutzer wie eine _camera obscura_ inszeniert, an deren Ef-fekten man sich erfreuen und mit der man arbeiten kann, zu deren Funktionsweise man aber keinen Zugang mehr benoetigt. Gegen eine reibungslose technologische und semiologische Ergonomie experimen-tierten einige Kuenstler im Verbund mit Programmierern, Physikern und Ingenieuren daran, auch mit den fortgeschrittenen Technologien Dramaturgien der Differenz weiterhin zu ermoeglichen und zu entfal-ten. In Nachfolge der klassischen Film- und Videoavantgarden insis-tierten sie darauf, dass die Computerwelten als kuenstlich gebaute zugaenglich bleiben. Die Schnittstellen zu ihnen in Spannung zu den Welten auszerhalb der Maschinen zu konstruieren, sollte den Genuss dieser Medienwelten erhoehen und nicht vermindern. 297 Unter "eingreifendem Denken" verstand #Brecht# eine Alternative zum optionalen Denken, das die wahre Welt als Warenwelt permanent einfordert. Sein #"Kleines Organon zum Theater"# von 1948 ist ein theo-retisches und praktisches Plaedoyer fuer eine operationale Dramaturgie, eine dramatische Kunst, die nicht nur zur Illusionierung und Reini-gung einlaedt, sondern beim Genuss das Denken nicht aussetzen laesst, Sinne und Verstand nicht als Gegner betrachtet, sondern als miteinan-der ringende Kraefte eines aufregenden Gesellschaftsspiels, das wir Kunst nennen koennen. Ein vergleichbares _Organon_ zur Schnittstelle gibt es noch nicht. [9] Wohl aber entwickeln sich kraftvolle kuenstlerische Praxen einer Dramaturgie der Differenz, innerhalb und auszerhalb der Datennetze. Markanterweise sind es gerade Gruppen wie das fuenfkoep-fige nordamerikanische _Critical Art Ensemble_ oder das deutsch-oesterrei- chische Terzett _Knowbotic Research_, die an solchen Konzepten seit etwa zehn Jahren kontinuierlich arbeiten. Ihre Projekte sind konsequent zwischen den Disziplinen kuenstlerische Theorie und Praxis angesie-delt; die #Kritik vereinheitlichender Technologiepolitik# ist wichtiger Be-standteil. Perry Hoberman aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn gehoert zu den wenigen Einzelakteuren zeitgenoessischer Produktion von Kunst mit und durch Medien, denen die Gratwanderungen zwischen techni- scher Faszination und eingreifendem Denken auszerhalb der Netze ge- lingen. Seine Installation "Cathartic user interface" (1995) bedient oberflaechlich den Bedarf nach raschen Entladungen von Frustratio- nen und Aggressionen im Umgang mit den aeuszeren Schnittstellen der Heimcomputer und ihrer Produzenten. Wie in anderen Arbeiten zu- vor [10] greift er auch hier auf eine rudimentaere Erfahrung aus der All-tagskultur zurueck, in diesem Fall das Ballwerfen auf gestapelte Blech-dosen, wie es die Besucher seiner Installation von den Jahrmaerkten kennen. Treffer werden dabei gewoehnlich mit _gadgets_ als Belohnung gratifiziert. Beim "kathartischen Nutzerinterface" sind die Konserven durch Computertastaturen ersetzt. Trifft man eine der aktiven Tasten, wird man nicht durch ein Artefakt belohnt, das aus einer Welt auszer-halb des Spiels stammt. Die Gratifikationen, die als technische Bilder auf die mit den _keyboards_ bestueckte Projektionswand geworfen wer- 298 den, stammen aus der Welt der Maschinen und Programme selbst. Es sind ironische Benutzeranweisungen oder #Fehlermeldungen, satiri- sche Verschiebungen#der graphischen Benutzeroberflaechen, Gesichter der Agenten der PC-Industrie. Durch die koerperliche Aktion des hefti-gen Werfens auf die Objekte der Angst und des Widerwillens wird kurz-zeitig ein befreiendes Gefuehl hervorgerufen. Aber die erhoffte Katharsis tritt nicht ein. Die Gratifikationsofferte ist eine aus der Welt der Ma-schinen und Programme, die durch die physische Aktion nur in ihrer visuellen Erscheinung attackiert werden kann. Ein Kurzschluss im ky-bernetischen System: Der programmierten und standardisierten Welt ist nicht durch den Maschinensturm beizukommen. Der war schon im vorletzten Jahrhundert nicht erfolgreich. In diese Welt ist nur wirksam einzugreifen, indem man ihre Handlungsgesetze lernt und sie zu ueber-laufen oder zu unterlaufen versucht. Man muss die Position des Teil-nehmers eines Jahrmarktspektakels verlassen und zu einem Operateur innerhalb der technischen Welt werden, der an ihrer Andersartigkeit mitarbeiten kann. Fuer die kuenstlerische Praxis mit Computern bedeu-tet das insbesondere, die Codes zu lernen, mit denen sie funktionieren. Gastev hat allerdings fuer die Techno-Avantgarde der 1920er schon de-monstriert, dass diese Position nicht unbedingt identisch sein muss mit derjenigen der Programmierer selbst. Dass es sich bei dem "cathartic user interface" um eine Installation handelt, in der mehrere Besucher zugleich taetig werden koennen, ist ein wichtiger Bestandteil des Konzepts, das in den meisten Arbeiten Hober-mans zum Tragen kommt. Die aktive Anwesenheit verschiedener Per-sonen, die in einem zwielichtigen Handlungsraum miteinander korres-pondieren, fuehrt zu Interaktionen zwischen den Besuchern, wie sie im dunklen Kubus Kino so nicht moeglich sind. Auch dies ist als ein _expan-ded cinema_ der besonderen Art begreifbar ------------------------------------------------------------- | Wirksame Verbindungen zu den #Peripherien# herzustellen, | | ohne sie in die Zentren integrieren zu wollen, kann dabei | | helfen, die Medienwelten offen und veraenderlich zu hal- | | ten. | ------------------------------------------------------------- 299 Die modernen audiovisuellen Massenmedien etablierten sich zuerst in den industriellen Zentren. Als Innovationen wurden Kino und Fernse- hen in Berlin, London, New York und Paris durchgesetzt, Wir haben uns daran gewoehnt, Mediengeschichte aus der Perspektive solcher Me- tropolen zu denken, zu schreiben und dargestellt zu bekommen. Diese Sichtweise fuehrt in eine Sackgasse, nicht zuletzt deshalb, weil die de-zentralisierten und vernetzten Mediensysteme die industriellen und fi-nanziellen Metropolen nicht mehr in der Weise benoetigen, wie es bei den Massenmedien der Fall war. Der Einstieg Japans in den westlichen Markt hat schon erhebliche Verschiebungen bewirkt. Mit ihrer Kon-zentration auf mobile und elektronische Medienartefakte begannen ja-panische Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg, die geographi-schen Verhaeltnisse in medienoekonomischer Hinsicht betraechtlich zu veraendern. Diese Tendenz verstaerkt sich weiter. #Seoul oder Singapur haben gerade erst damit angefangen, in die hegemonialen Verhaeltnisse aus der fernoestlichen Peripherie einzugreifen.# Viele der aktuellen Soft-wareloesungen werden zwar noch ueber nordamerikanische Korporatio-nen lukrativ vermarktet, aber nicht mehr primaer dort entwickelt. Die Auto- und Schwerindustrie, mit der Europas Westen oekonomisch stark geworden ist, eignet sich nicht als Modell fuer die Herstellung extrem fluechtiger Produkte als Dienstleistungen. Die Medienwelten der Tele-matik sind so ubiquitaer, wie ihre Konstrukteure prinzipiell mobil und nomadisch geworden sind. Die Suchbewegung durch die Tiefenzeit des technischen Hoerens und Sehens, zu dem sich im Verlauf der Untersuchung das technische Kom- binieren als weiterer Fokus hinzugesellt hat, engagiert sich fuer eine dop-pelte #Verschiebung der geographischen Aufmerksamkeit: vom Norden zum Sueden und vom Westen zum Osten.# Mit dem Markt haben diese Verlagerungen zunaechst nichts zu tun. Zugespitzt formuliert stammen die philosophischen und praktischen Grundlegungen fuer den Bau der modernen Medienwelten aus dem Fernen Osten, vor allem aus den frue-hen Hochkulturen Chinas, sowie aus den Regionen um das Mittelmeer, aus Kleinasien, Griechenland, den arabischen Laendern und ihren Vor-posten im suedlichen und suedwestlichen Europa. Am Beispiel der Ent-wicklung von Konzepten und Artefakten zur Optik haben wir die Bewe- 302 gung in groben Zuegen verfolgen koennen. Von den in etwa parallelen Anfaengen in China, den griechischen Inseln und Sizilien ueber die Reak-tivierung und Erweiterung dieses Wissens durch arabische Forscher um die erste Jahrtausendwende verschoben sich die Aktivitaeten und ihre Verdichtungen allmaehlich nach Norden. Die sueditalienische Me-tropole Neapel wirkte in der fruehen Neuzeit als ein Durchlauferhitzer fuer die diversen Versuche der magischen Aneignung der Dinge und der Kenntnisse ueber sie. Im Norden und im Nordosten traten verstaerkt die toskanischen Staedte und vor der Wende zum 17. Jahrhundert das Prag Rudolfs II. als Drehscheiben astronomischen, mathematischen und technischen Wissens auf den Plan, mit Verbindungen zu London, Ox-ford, Cambridge, Paris, aber auch dem polnischen Kraków. Mit dem Netzwerk des jesuitischen Ordens als intellektueller Avantgarde und dem Vatikan als Ordnungszentrale avancierte im 17. Jahrhundert Rom zu der Metropole, in der das von der katholischen Kirche akzeptierte Wissen um die neuen Medienwelten gesammelt, ausgewertet und welt-weit wieder verteilt wurde. Den Sueden degradierte der Vatikan mehr und mehr zur Peripherie. In weltanschaulicher Konkurrenz zu Rom profilierten sich Paris mit seinen katholischen Minimalisten und fruehen rationalistischen Aufklaerern, die klassischen Universitaetsstaedte Eng-lands, London und die Hochburgen des liberalen Geistes in den Nie-derlanden. Die Ketzer flohen vor den Verfolgungen der Inquisition und hinterlieszen an den Orten, in denen sie voruebergehend aufgenom-men wurden, ihre Spuren. Insofern markiert das "Electricorum" des roemischen Rhetorikprofessors Mazzolari einen fulminanten Hoehe-punkt, zugleich aber auch schon das vorlaeufige Ende dieser geographi-schen Ordnung. In der lateinischen Hymne auf die Elektrizitaet von 1767 wurde alles Wissen ueber diese neue Welt, die fuer die Medien so ent- scheidend werden sollte, noch einmal gesammelt und in einer elektri- schen Fernschreibmaschine technisch vergegenstaendlicht. Aber die zeitgemaeszen Protagonisten des Poems stammten bereits aus ganz an- deren Orten: aus Dubrovnik, aus Philadelphia oder aus dem hollaendi- schen Leiden. Mit Ritter, Chudy und Purkyne geriet zur 18. Jahrhundertwende eine Region verstaerkt in die Aufmerksamkeit, die bis dahin vor allem 304 Beachtung gefunden hatte, wenn aus ihr hervorragende Forscher und Lehrer, die es sich leisten konnten, in die Universitaetsstaedte Nordita-liens, nach Rom oder Paris zum Studium oder zum Unterricht zogen: das heutige Polen, Ungarn, Tschechien, mit ihren extrem wechselvol-len Geschichten von Fremdherrschaften verschiedenster Art. Ihre Na-turwissenschaftler und Ingenieure wanderten nun zum Studium und zur Lehre teilweise noch in die akademischen Hochburgen Oesterreichs, aber vor allem in die Universitaetsstaedte im thueringischen und saechsi-schen Osten Deutschlands, nach Dresden, Halle, Jena oder Leipzig. Die brutalen Einschnitte des Kriegs und der Nachkriegsgeschichte haben dazu beigetragen, dass die Verbindungen zu den oestlichen Orten und Archiven des Wissens und Modellierens fuer Jahrzehnte abgebrochen waren. Wie dem zum Trotz entwickelt sich seit Mitte der 1990er an der Grenze zwischen dem deutschen Westen und Osten die Medienfakultaet der Bauhaus-Universitaet Weimar zu einem der avanciertesten Lehr-und Forschungsinstitute. Tiefer greifend noch waren die Brueche gegenueber der einstigen rus- sischen Wissenschafts-, Technik- und Kunstmetropole St. Petersburg. Die Trennungen wirkten hier ueber acht Jahrzehnte in doppelter Weise, zum einen als harsche politische und ideologische Abwendung von al-lem Westlichen, zum anderen als Verschiebung innerhalb Russlands. Moskau wurde zur Zentrale der politischen Macht und damit auch zum Fokus nationaler wie internationaler Aufmerksamkeit. Seit zehn Jah-ren existiert mit dem "Theremin Center" am Staatlichen Moskauer Konservatorium wieder ein Laboratorium fuer die Erforschung und Er-probung neuer kuenstlerisch-medialer Formen. Es wurde benannt nach dem Erfinder eines der ersten elektronischen Musikinstrumente, das gaenzlich ohne Beruehrung und nur ueber die Beeinflussung elektro-ma-gnetischer Wellen durch die Finger- oder Handstellungen des Spielers funktioniert. Lenin liesz sich das Instrument 1922 im Kreml erstmals vorfuehren. Erfunden hat es der Physiker und Musiker Lev Sergeivich Termen allerdings 1920 in St. Petersburg, waehrend seiner Zeit als Leiter des Labors am dortigen physikalisch-technischen Institut. Durch Brian Wilsons legendaere Komposition "Good Vibrations" fuer die Beach Boys sind seine seltsam heulenden Klaenge in die Geschichte der Popmusik 305 eingegangen. Unter dem Projekttitel "Forgotten future" hat Andrej Smirnov, der Leiter des "Theremin Centers", damit begonnen, die Kraft der alten Erfindungen wieder in das aktuelle Spiel mit den technischen Illusionen einzubringen. Herausragende Kuenstlerinnen wie Anna Ku-leichov verbinden die aesthetischen Ideen der russischen Kinetiker, Kubofuturisten und Suprematisten mit aktueller elektronischer Kon-zept- und Performancekunst. Nicht nur aus dem neuen Moskauer Laboratorium heraus veraendert sich die vertraut gewordene Geographie allmaehlich wieder. Die junge Kunstszene St. Petersburgs begann schon in den Jahren der Perestrojka damit, intellektuelle Verbindungen zu den Hinterlassenschaften der Techno-Avantgarde der 1920er herzustellen. In einem riesigen Hinter-hofgebaeude in der Pushkinskaja-Strasze residiert nicht nur die provo-kante "neoakademische" Schule Timur Novikovs, sondern arbeitet auch das "Techno-Art Center", das von Alla Mitrofanova und Irena Ak-tuganova geleitet wird und in dessen "Galerie 21" unter schwierigsten infrastrukturellen Bedingungen medienkuenstlerische Projekte reali-siert und die Debatten um sie gepflegt werden. Die "Intermedia"-Abtei-lung an der Budapester Akademie der Kuenste nahm ihre Arbeit bereits im Herbst 1990 auf, vor Beginn der meisten akademischen Initiativen im Westen, und hat mittlerweile, zusammen mit dem ihr verbundenen "Center for Communication and Culture", einen internationalen Ruf fuer die Entwicklung auszergewoehnlicher Medienprojekte erlangt. Mi-kloes Peternaek, der Direktor beider Institute, konzentriert sich in seiner Arbeit unermuedlich darauf, die Anschluesse der neuen Medienwelten an die Reichtuemer der ungarischen Technik- und Kulturgeschichte wieder herzustellen. "Die Zukunft ausgraben" hiesz 2001 ein Symposium in Prag, das Jan Evangelista Purkyne und seinen Entdeckungen fuer das technische Visionieren gewidmet war. Jan Svankmajer sorgt mit seinen virtuosen Animations- und Spielfilmen seit Jahrzehnten dafuer, dass die Verbindungen avancierter Medienwelten zur Tiefenzeit der Prager Al-chemisten, Magier und Manieristen kraftvoll vorstellbar blieben. "Alice" (1987), ((Faust>) (1994) oder "The Conspirators of Pleasure" (1996) sind nur drei der juengeren filmischen Meisterwerke aus der _mun-dus animatus_ des Prager Surrealisten, fuer die deutsche Kinos leider ver- 307 ------------------------------------------------------------------------ 2. 2010 - Das Jahr, in dem wir die Krise bekommen Der Titel ist phrasenhaft, aber die Eckdaten sind passend: 1967, zur Zeit der schon doch ja grossen Krise des Kapitals in der BRD wurde _2001 - Odyssee im Weltraum_ gedreht, 1999 war das Jahr, in dem der Boom der IT-Branche (damals "Neue Oekonomie" genannt und von der Lovink-Schule im Umfeld des "Toywars" als "Tulipomania" gegeiszelt) von 1995 bis 2000 den meisten suspekt wurde, jedenfalls genaehrt von apokalyptischen Jahrtausendwende-Fantasien, 2001 wurde angeblich die Welt am Ort der damals noch erfolgreichsten/erhitztesten Boerse (New York) im September neu geordnet, 2010 sollte die europaeische Agenda zum Abschluss gekommen sein und die EU das staerkste Land der Welt. Interessant ist, dass die Ost-West-Teilung der Welt, 1984, im Jahr des ersten Wuerfels "Macintosh", noch ganz klar einer Friedensbotschaft bedurfte, waehrend also die atomare Bedrohung gross war und Apple wenigstens im Video gegen den Ueberwachungsstaat von Microsoft stand. Allerdings sah Arthur C. Clarke's Buch diese nicht vor, und die Konkurrenz der Nationen ist noch laut dem Text auf der Videohuelle von _2010 - Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen_ von damals eine zwischen China und der Kooperation (!) der UdSSR mit den USA. Und auch Hans-Werner Sinn vom deutschen Ifo Institut fuer Wirtschaftsforschung weisz: "Wir werden fruehestens im Winter 2010 da sein, wo die USA im letzten Herbst waren [...]." Das bedeutet, dass das amerikanische Raumschiff noch etwas schneller ist, als unseres. Und wirklich, wo _2001_ alles versagte, nicht sagte, aber verbilderte, also anders sagte (?) und mystisch, religioes die rationalen Codes austrieb, oder das Versagen des Rationalen, repraesentiert von HAL, zumindest auf rationalistische Double-binds zurueckfuehrte (HAL konnte berechnend seinen Befehlen nicht zugleich gehorchen und nicht gehorchen und zerstoerte dann eine Variable durch Toeten), da wo die Krise der Kommunikation und des Sprechens im reellen Jahr nach dem Zusammenbruch des New Economy ins Jenseits der siegreichen Konsumwelt fuehrte, naemlich zu den Sternen, klaert _2010_ plappernd in den Requisiten von 1967, also im Jahr, in dem die EU die Krise oder die Krise die EU erreicht hat, gnadenlos auf. Wenn man nun die im Buergertum herrschende Angst vor der Apokalypse, wie Linke auf den Bahamas vielleicht formulieren wuerden, nimmt und auf der Suche nach den sich selbst deutenden Zeichen, des immer in der Krise befindlichen Kapitalismus sucht, und alles fein vermengt, haben wir in _2010_ dem Film und 2010 dem Jahr etwas vorliegen, was die Remix-Kopie von 2001 dem Jahr, dem angeblichen Beginn des ersten (?) Krieges im 21. Jahrhundert und _2001_ dem Film sein koennte. Gibt es selbstentlarvende Artefakte? Ich erinnere mich an den Film _Creature_ (ebenfalls 1984) mit Klaus Kinski, einem _Alien_-Verschnitt mit leichten Solaris Anleihen, in dem relativ fesche Raumanzuege wie in _2001_ getragen werden, "Nazi"-Kinski aber einen proportional viel zu grossen Helm traegt und das Budget fuer einen naturalistischen Ausserirdischen=Kapitalisten nicht mehr gereicht hat. Im Film (_2010_), wo alle Antworten im Computer liegen und der lustige Held sie nur noch aus ihm herausholen muss, der Computer der Tempel und die Maschine des Rationalen der Mission Aufklaerung, den keine Schuld trifft und der nach 2001 (Film und Realitaet) endlich rehabilitiert wird, kann ja schlieszlich doch immer und zugleich nie das eintreffen, was mit der CeBIT und dem neuen Breitband 2008 den Massen versprochen wurde, 2 Mio. Arbeitsplaetze und jedem ein DSL 1000 (max. Download: 1024 kbit/s, max. Upload: 128 kbit/s). Das Versagen ist das Versprechen. Die Botschaft kommt von oben, sie lautet Klassenbruderschaft -- in _2010_ retten sich die sowjetischen Kosmonauten mit den US-amerikanischen Astronauten vor dem schwarzen Loch, welches der Galaxis eine neue zweite Sonne gebiert. Wo Kubrick Naturwissenschaft an kosmische Grenzen bringt und Wissen mit dem grossen Unerklaerlichen konfrontiert, Wissen also unueberschreitbare Grenzen hat (Physik endet wo Gott anfaengt), da wird der rehablitierte Rechner in knapp zwei Jahren die unhinterschreitbare filmische Grenze des jetzigen Wissens sein medialisiert-organisiert in einer Maschine, die im Gegensatz zum Film aber nicht geopfert werden kann, um den Tod nah zu erfahren. Die Konkurrenz der Nationen wurde dargestellt als verrueckte Bedrohung (verrueckter Computer, verrueckte Russen) mit der Heilsbotschaft einer geeinten Menschheit. 2010 - Das Jahr, in dem uns die Krise bekommen, wird das eher banal korrigieren, ohne "Lux Aeterna" (Ewiges Licht), sprich ohne Gott. Der Tod Gottes und der Uebermensch sind dann Thema des Links-Nietzscheanischen Seminars. Ali Emas ======================================================================== Sie erhalten den n0name newsletter, weil sie da sind!/You get the n0name newsletter, because you are there! *Bitte weiterleiten!/Please forward!* Archiv: http://www.n0name.de/newsletr.html (c) 1999-2009 n0name, die Autorinnen & Autoren und die Maschinen Unterstuetzt von XPECT MEDIA http://www.xpect-media.de Sponsored by FONDS Dank an >top e.V. ------------------- Ende des n0name newsletter #136 --------------------