|<------ Breite: 72 Zeichen - Fixed Width Font: Courier New, 10 ------>| 0-) n0name nachrichten #135 Do., 12.02.2009 13:39 CET *Inhalt/Contents* 1. Rezension von Sabine Nuss. _Copyright & Copyriot_ 39 2. verteidigt das Portal der Fantasie aus: _3000/futuristische Phantasmen und aktuelle Fantasien der Technokultur 3.2_ (Fortsetzung aus nn #134) 33 KB, ca. 11 DIN A4-Seiten ------------------------------------------------------------------------ undergroundserver zeigt(e nicht) News aus der kritischen Jetztzeit NEU Marxtoeter - Kluge - Kille Kille Videograffitti mit einem Anschlag von u.a. radi0.tv aktionedition n0name Mo., 01.12.2008 ca. 17:00 Uhr vor/neben/an der Wand von ver.di, Paula-Thiede-Ufer 10, 10179 Berlin (Da wo die Grenze zwischen oben und unten und zwischen dir und mir verlaeuft) und anderswo! http://www.berlin.de/stadtplan/map.asp?sid=c395dcb9e9f994a4df308ec425cafdab&start.x=5&plz=10179&str=Paula-Thiede-Ufer+10&start=Finden&grid=dedatlas10 Wir kommen auch zu Dir in deinen Betrieb? Oder eben My Family Folge: 77 Jeder gegen jeden gucken oder Strassencharts "die neueste Sendung mit Groszstadtflair, die jeden Tag von der Strasse ins Studio rollt!" oder Still Standing Folge: 53. Die Blutsaugerin / 54. Dreiecksverhaeltnisse ...das "Kapital" verfilmen heiszt nicht unbedingt, es zu verfilmen. Nicht als Autor, nicht klug, nicht dumm. "Die abstrakten Vorgaenge in konkrete Bilder umzusetzen" ist nicht so schwer, andersherum ist es vielleicht sogar einfacher. Aber die konkreten Vorgaenge den Bildern der Abstraktmacher zu entsetzen, was hiesze das? Die Errettung der aeusseren Wirklichkeit einer Nische im deutschen Privatsuhrkamp-TV oder den Gewerkherrschaften (der deutschen Ordnungsmacht) im Bluescreen statt im Blaumann ueberlassen? Die Methode der Dialektik zeigen, koennte eine -- nicht nur akademische -- Frage sein. Und, dass wir es nicht nur mit einem Poetismus der Kritik der politischen Oekonomie im erweiterten Lesekreis zu tun haben. Kennst du einen Arbeiter? Ich kennen keinen, oder doch? Und es ist keine Kinofizierung des _Kapital_, sprach der Herr. Stattdessen sind die Ergebnisse ernuechternd: Ein Clown mit Bart und noch ein Marxkiller und ueberhaupt ganz viel Kunst. Unterdessen laesst sich ein vielleicht allzu waiser Neue Welle-Regisseur von einem antikommunistischen Professor der Post-Kommunistischen Neuen Moderne den Groessenwahn des stalinistischen Kommunismus erklaeren. Dawai Boris! Dessen Fernsehfilosofen-Chef blubbert dazu ein paar antiproletarische Blasen. Das Ergebnis ist ernuechternd. Die Moeglichkeit einer europaeischen Revolution wird entschwunden. Nebenbei wird in Produktionen fuers rot angestrichene Establishment (ein 1968er Begriff) und fuer die buergerliche Glotze von dieser Einwicklungsfirma fuers Fernsehprogramm geholfen, sie zu verhindern. Vor den Auffanglagern fuer Immigranten und Asylbewerber und vor Kirchen, Botschaften, U-Bahn-Stationen, Serverfarmen und Bahnhoefen patrouillieren schonmal Soldaten. _Das Kapital_ oder/und den Kapitalismus verfilmen? Was wird man/frau/arbeiter/nichtprofessorin/alltagsexperte machen? Wir koennen die DVD-Edition fuer 29,- kaufen und zitierend, persiflierend (détournement), das Urheberrecht umgehend (copyrightment), das verkuerzt Kulturalistische des Vorliegenden nachweisend, alles zur Auffuehrung bringen. Wie sagte schon der und der: "'Klasse' meint im deutschen Sprachgebrauch als Adjektiv "gut und schoen". Produktionen abspielen, Kommentare einspielen, Spielchen verspielen! www.undergroundserver.de - abhaengiger Bieter in der Kommerz-City http://www.daskapitalverfilmen.de [Nachmacher, Vormacher!] (c) 2008 n0name ------------------------------------------------------------------------ 1. Rezension von Sabine Nuss. _Copyright & Copyriot_ 39 "Stockholm. Der TV-Sender SVT will den Prozess gegen das schwedische Internet-Unternehmen The Pirate Bay (TPB) im Internet ausstrahlen. [...] Wie SVT mitteilte, wird von dem Gerichtsverfahren am 16. Februar lediglich der Ton, aber kein Bildmaterial, direkt auf der Internetseite des Kanals 24 Direkt ausgestrahlt, wie es das schwedische Recht zulässt. [...] TPB hatte selbst vergeblich versucht, sich das Recht auf eine Live-Übertragung des Verfahrens zu sichern. Mit den als "BitTorrent-Tracker" bezeichneten Internetseiten wie TPB ist es möglich, unter anderem Musik und Filme auf anderen Computern zu finden und kostenfrei herunterzuladen. Dies gilt als akut geschäftsgefährdend nicht zuletzt für die US-Filmindustrie. In mehreren Ländern sind die Internetseiten des schwedischen Unternehmens gesperrt. (dpa)" Piraten samplen und werden damit zu Produzenten, jeder Bauplan ist ein Sample, da das Sample genaugenommen eine Probe aus einer 'urspruenglichen' Masse ist, aber dann eine andere Adresse bekommt und nicht mehr das ist was es im Urkontext war. Hier die Auslassungen der drei Zeilen, die das letzte mal im Handverfahren sozusagen ge-steganografiert wurden: "ie D art g i d a au n r Li ra r z gent i de it -t he he. e d or m n er n de Os -We K nfl k n d r zw en ä ft s 0. Jah un ts w e" Ergaenzt der willige Decodierer nun die Zeilen vom letzten mal (siehe n0name newsletter 134) dazu, erhaelt sie: "rieren. Derartiges findet man auch in der Literatur zu Eigentum in der kapitalis-tischen Epoche. Gerade vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde" Und nun weiter mit der Geschichte des Eigentums und seiner aktuellen Derivate. „Der Fall Athen ist in dieser Hinsicht nichts Besonderes, sondern spiegelt eine in Grie-chenland weitverbreitete Auffassung wider, daß nämlich der Besitz an Grund und Boden ein Privileg der Bürger war” (Austin/Vidal-Naquet 1984: 77). Der Bürgerstatus war das höchste Ideal und dies ganz unabhängig von materiel-lem Reichtum. Es ist in der Literatur umstritten, ob die griechische Antike bereits weitgehend kapitalistisch organisiert war oder nicht.9" Wie konnte sie? Es fehlte ja die Industrie. "Mit Sicherheit gab es aber auch in der griechischen Antike Handel und Handwerk, ebenso „Betriebe"10, außerdem Geld und Kredit. Aber die gesellschaftlichen Verkehrsformen waren nicht dominiert von einem Produktionszweck, der aus Geld (Eigentum in seiner abstraktesten Form) mehr Geld zu machen anstrebte, nicht der Zweck der Verwertung des Werts, also der Akkumulation von privater Verfügungsmacht über gesellschaftlichen Reich-tum, stand im Vordergrund. Bleicken zufolge überwiegen in der Antike „Barkauf und Kreditnahme zur Absicherung des sozialen Bereichs und ohne das Ziel der Gewinnmaximierung (...); Der Durchschnittsathener ist auf Sicherheit aus; er scheint das Wirtschaftsleben eher als eine Last zu empfinden, von der er gern befreit wäre, um sich dem Dasein als Mensch und Bürger zu widmen" (Bleicken 1991: 95). Handwerk und Handel werden nicht ohne Grund den Metöken und Freigelasse-nen überlassen» Der Seehandel war zu einem guten Teil „kapitalistisch" organi-siert, zumindest lässt er noch am ehesten einen Vergleich zu, denn hier wurde in Gestalt der Seehandelsdarlehen Geld vorgeschossen, um mehr Geld daraus zu machen." Ist die kategorielle Basis fuer "Kapitalismus" demnach Geld und Kredit? Haben wir nicht das Privateigentum, den freien besitzlosen Lohnarbeiter und die Lohnarbeit und die industrielle Prouktionsweise mit seiner Ueberproduktion von Ware als Kennziffern zu beachten, statt den zu verwertenden Wert in Gold? G...G' und alles was dazwischen liegt, ist die kapitalistische Produktionsweise, die zugleich Lebensweise und Gesellschaftsweise ist. Aus G(eld) mehr G(eld)' zu machen ist nur eine Formfigur, die Figur mit der Form des Geldkapitals, von dem jetzt in der Krise alle schwaermen. "Gelderwerb um seiner selbst willen" als Signum fuer die kapitalistische Gesellschaftsweise greift zu kurz. Form heiszt, dass es auch andere (Verlaufs)Formen des Wertes gibt. "Der bestimmende Zweck der kapitalistischen Pro- duktion ist stets Verwertung des vorgeschoßnen Werts, ob dieser Wert nun in seiner selbständigen Form, d.h. in der Geldform vorgeschossen sei, oder in Ware [...]."[1] "Die Grundlage der Verwertung war aber eine spezifische Mischung aus Handel und Raub und nicht etwa eine kapitalistisch organisierte Produktion." (!) "Bleicken macht plausibel, dass sich in Athen kein Geschäftsgeist entwickelte, der den Gelderwerb um seiner selbst willen betrieb" Was auch nicht der Grundcharakter des Kapitalismus ist. Grundcharakter des Kapitalismus ist nicht die 'Geldproduktion', die reine Akkumulation, sondern der Komplex aus Enteignung des gesamten gesellschaftlichen Produkts durch eine als Klasse benennbare Gruppe der Gesellschaft, wobei die Klasse der Produzenten dabei enteignet wird, zum Zweck der Kapitalbildung, da ohne Kapitalbildung die Klasse der Kapitalisten untergehen wuerde. Der Zusammenhang geht also ueber den berechtigten moralischen Vorwurf der Ausbeutung hinaus und zwingt einen Maszstab anzulegen, der die gesamte Systematik erfasst und nicht beim Phaenomen (der Form) Geld stehen bleibt. "und zu diesem Zweck „neue Ver-trags- und Gesellschaftsformen und einen Berufsstand mit eigenem Ethos geschaffen hätte" (Bleicken 1991: 94). _______________ 9 Davon gingen in der historischen Debatte des 19. und 20. Jahrhunderts einige Autoren aus (so Theodor Mommsen, Eduard Meyer, Michail Rostovtzeff). Andere wiederum widersprachen dieser Ansicht (Karl Rodbertus, Karl Bücher). 10 Die Betriebe waren meist klein, es handelte sich zumeist um Familienbetriebe mit Sklaven oder Lohnarbeitern und 20 Mitarbeiter in einer Werkstatt waren schon viel. 11 Ganz allgemein hat Arbeit in der Antike einen erheblich anderen Stellenwert als in der Neuzeit, sie genießt einen eher geringen Status und wird in den Quellen der antiken Literatur häufig mit „banausisch" bezeichnet, der moderne bürgerliche Arbeitsethos (ohne Fleiß kein Preis) war diesem Bewusstsein fremd (was kein Widerspruch dazu ist, dass die Athener das Ergebnis von Handwerkskunst sehr wohl zu schätzen wussten). Eine instruktive Materialsammlung zur Geringschätzung der Arbeit in der Antike (und Mittelalter) findet sich bei Brocker (1992: 405-420). 140 Die aristotelischen Aussagen zu Eigentum müssen vor diesem Hintergrund gelesen werden. Dies gilt besonders für den in der modernen bürgerlichen Gesell-schaft geläufigen Gemeinplatz, dass nur Privateigentum effizient sei. Bei Aristoteles liest sich das - und von einigen Autoren wird dies dann gerne als Referenz ge-nommen - wie folgt: „Denn wenn die Sorge um den Besitz jeweils einzelnen vorbehalten ist, wird dies nicht die jeweiligen Vorwürfe produzieren; die Sorge um den Besitz wird so eher gesteigert, weil nun jeder einzelne sich seinem Eigentum widmet" (Aristoteles/Schütrumpf 1991, Pol. II 5, 1263a). Dies mag zwar ganz ähnlich dem Principal-Agent-Argument der modernen Property-Rights-Theorie klingen, demzufolge der Agent eine größere Motivation erfährt, wenn der Principal ihm mehr Eigentumsrechte gewährt (s.o.). Daher kann der Ökonom Joseph Schumpeter zur Verteidigung des Privateigentums durch Aristo-teles auch anmerken, dass sich die aristotelischen Argumente fast genauso lesen, „wie die Argumente des bürgerlichen Liberalismus des 19. Jahrhunderts" (Schumpeter 1965: 99, zit. nach Schütrumpf in Aristoteles: 192). Allerdings ist im Rahmen der Property-Rights-Theorie das erklärte Ziel für eine Steigerung der Motivation des Einzelnen eine Steigerung der Produktion und dem liegt wiederum die Annahme des nutzenmaximierenden Individuums zugrunde, welches dazu tendiert, „immer mehr zu wollen". In dieser Eigentumskonzeption ist größtmög- liches Wachstum die Zielvorstellung, ausgehend von einer maßstabslosen „Knapp-heit" der Güter (gemessen an der Unbegrenztheit der Bedürfnisse). Dies ist nun aber gar nicht das ökonomische Ziel der Individuen in der aristo-telischen Argumentation. Das Plädoyer für einen Besitz Einzelner liegt zuvorderst darin begründet, dass diese Besitzordnung Streit vermindert zwischen den Mit-gliedern der Gemeinschaft. Wenn die Menschen, die das Land bearbeiten, sich dieses und seine Erträge gemeinschaftlich teilen, dann kann es nach Aristoteles zu Streit über das Verhältnis von Leistung und Ertrag kommen, so dass jemand, der mehr eingebracht hat an Arbeit, aber weniger erhält als ein anderer, der vielleicht weniger gearbeitet hat, diesen beschuldigen kann. Mit keinem Wort wird hier darüber debattiert, wie man ausgehend von einer Knappheit an Land und Früch-ten mit bestimmten Eigentumsverhältnissen möglichst viel aus dem vorhande-nen Land herausziehen kann, um eine bestmögliche Allokation dieser knappen Güter erreichen zu können. Auf diesen entscheidenden Unterschied hat auch schon Marx hingewiesen: „Wir finden bei den Alten nie eine Untersuchung, welche Form des Grundeigentums etc. die produktivste, den größten Reichtum schafft? Der Reichtum erscheint nicht als Zweck der Produktion, obgleich sehr wohl Cato untersuchen kann, welche Bestellung des Feldes die einträglichste, oder gar Brutus sein Geld zu den besten Zinsen ausborgen kann. Die 141" Gestaerkt durch einen Hamburger der Firma McDonald's geht es weiter. Auch _Spektakel_-Interpreten verstehen manchmal alles schraeg. Thomas Raab schreibt in seinem Band _Nachbrenner: Zur Evolution und Funktion des Spektakels_ auf S. 77 von Kontrakten, die uns zur Produtivitaet "im Sinn von Umsatzgenerierung" zwaengen; und weiter auf S. 78 ist es wieder "Geld will immer mehr Geld". An Werttheorie, zur Werttheorie draengt doch alles. Oder anders: "Die GVU - Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen e.V. bietet auf ihrer Website das Programm "Digital File Check" zum kostenlosen Download an. Es sucht auf Computern nach Programmen zum Datenaustausch und loescht sie. Mehr: www.gvu.de/33_Weitere_Informationen.htm" (Broschuere "Respect Copyrights: Eine Initiative zum Schutz des Originals" der Zukunft Kino Marketing GmbH mit einem Auszug der Rede der Bundesministerin der Justiz mit dem Hinweis auf die Bedeutung des Schutzes guter deutscher Ideen fuer die hiesige Wirtschaft) Klammer weg... darin wird in den "Tipps fuer Eltern" auch schonungslos offen der Wert der Ware (hier "kreative Leistungen") mit dem moralischen Wert der Achtung des privaten Eigentums gleichgeschaltet. Ich/wir furze/n Cheeseburgerduft. _____ [1] Karl Marx. _Das Kapital_, S. 1862 ff. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 5171 (vgl. MEW Bd. 24, S. 154 ff.) Ali Emas Sabine Nuss. _Copyright & Copyriot: Aneignungskonflikte um geistiges Eigentum im informationellen Kapitalismus_. Muenster: Westfaelisches Dampfboot, 2006. 269 S. - EURO 19,90. Erschienen: Oktober 2006 ------------------------------------------------------------------------ 2. verteidigt das Portal der Fantasie (Fortsetzung aus im n0name newsletter #134) "Der Dichter musz sich gluehend. glanzvoll und freigebig verschwenden, um die leidenschaftliche Inbrunst der Urelemente zu vermehren." (Filippo Tomaso Marinetti. "Manifest des Futurismus", 1909) Zum Ende dieser Story- und Argumentationslinie wird er fast zynsich, indem er die durch Lohnarbeit bzw. Markterfolg abgesicherten Freizeitaktivitaeten im Netz von Linux-Programmierern und eines prominenten SF-Autors mit seiner romantischen Vorstellung vom verschwenderischen Produzieren abgleicht und diesen Modellcharakter zu weist. Offenbar will er Oekonomisches mit A-Oekonmischem dichotomisieren und zieht dabei die Netzwelt als von oeknomischen Zwaengen weitgehend befreite Zone und Trainingsgebiet fuer freie und bewuszte Ressourcenvergeudung der Realwelt des Kapitalismus vor ... Eskapismus? Zitat: "Als verschwenderische Taetigkeit koennte die kuenstlerische Praxis auch in den Netzen eine glaenzende Zukunft haben." (355) Mit anderen Worten: Die Aktivitaeten, die aus bezahlter Arbeit gespeist zu unbezahlter Arbeit werden und als "kuenstlerisch" klassifiziert sind, sollen gemeinnuetzig werden und von der kulturellen Avantgarde, die das oekonomisch praktiziert koenne die allgemeine Netzcommunity oder genauer, die progressivste Repraesentation des "Gefueges" der technischen Welt (-> # # S. 323) qualitativ inhaltlich und symbolkaptalistisch profitieren. Somit adelt Zielinski die "Aufhebung der Oekonomie" von Bataille auf insulaeren geschuetzten subventionierten Terrains, den staatlichen/privaten Refugien der Kunstproduktion, die in der Mittelvergabe an sie privilegiert ist, aber an Markt und Warenzirkulation direkt (ueber Loehne, Tantiemen, Gehaelter, Honorare, Gagen) angeschlossen bleibt, als performativen, virtuellen Akt im informationellen Raum digitaler Datennetze zu einem futuristischen Modell des Handelns. Er reproduziert damit Ideen des Cybercommunism und dem Oekonomiefreien Raum der Autonomie und kommt damit nur wieder auf das Modell des Prototyps fuer den Symbolarbeiter, den sich selbst vermarktenden / ausbeutenden Kuenstler, der aus dem Geld seines Jobsektors im Hobbysektor Kultur macht. Exakt die Aussage Geert Lovinks 2003 in einem Interview (sinngemaesz): "warum musz Kunst immer kommerziell sein?", "die Leute koennen das doch auch als Hobby betreiben." Merkwuerdig, dasz Z erkennt, dasz in den 1990er Jahren auf "die neuen medialen Netze [...] politische und kuenstlerische Utopien des freien Austauschs jenseits von Markt- und Machtstrukturen projiziert" wurden (320), er aber seine eigene, diesen utopischen Topos wiederholende Projektion einer glaenzenden Zukunft verschwenderischer Taetigkeit in den Netzen als kuenstlerische Praxis, nicht als solche markiert. Stattdessen erhebt er _Intuition_ zur Domaene der Kunst und zu ihrem Unterscheidungsmerkmal. (322) Wo und wie oft wurde das schon geschrieben? Er blendet aus, dasz exakt dieses Skill zum Faktor "Kreatives Potenzial" ( > Die Container-Metapher) gehoert und in der Dotcom-Blase um 1999-2000 und auch in der Phase der "Konsolidierung" (vgl. den Jargon z.B. im _Handelsblatt_ 2003) der vormals "Neuen Maerkte" hoechst nachgefragt erscheint. Als Buzzword der Differenz eignet sich Intuition nicht mehr, es sei denn als Kategorie der Distinktion. Wenn am Anfang gefragt wurde, wie und vor was Z kuenstlerische Praxis verteidigt, dann kann jetzt eine Antwort gegeben werden. Er verteidigt sie vor der ausgemachten Oekonomiesierung des Kulturellen (der Kulturproduktionsverhaeltnisse) indem er ihr einen gesellschaftlichen Ausnahmestatus zugesteht, innerhalb derer in Insellage alternative Formen der Oekonomie von Zeit und Rentabilitaet experimentell getestet werden. Ob die bei Z implizite Grundannahme einer Oekonomisierung des Kulturellen so ueberhaupt zutrifft, muesste diskutiert werden, insbesondere die Systematik und Begrifflichkeit dieser Annahme, naemlich, ob "das Kulturelle" jemals nicht oekonomisiert war, und wenn nein, ob das historisch blosz unter Wirtschaftsgesichtspunkten gelesen wird, und ob Kultur als Gesellschaftsteil generell von einer Restgesellschaft abtrennbar ist. Zur Frage warum kuenstlerische Praxis verteidigt werden soll, kann man bei Z spekulativ eine kulturphilosophiepolitische Motivation ausmachen: Kunst wird als gesellschaftlich zufluchtbietendes Korrektiv gelesen, in ihrem Bestand selbst besteht ein utopischer Gehalt zur Umgestaltung von Teilen der Gesellschaft. Insofern ist Kunst "kulturpolitisch" ein gesellschaftlicher Faktor, der transdisziplinaer und transsozial Loesungen anbietet. Als Konkurrenz zu anderen 'Sektoren' (Wirtschaft, Politik, Naturwissenschaft) der Gesellschaft ist der Faktor Kunst permanent gefaehrdet, weil er von Subventionen und Sponsoring abhaengig ist oder laengst Teil der anderen Sektoren ist. Die konkreten Produktionsstaetten des Sektors "Kunst", die Labore, sind von Kuerzungen oder von rentabilitaetsorientierter Vereinnahmung bedroht. Die Rede fuer einen Intuitionismus, d.h. heiszt fuer eine die Wissensbestaende der Kunst (stellvertretend fuer die kulturalisierte, weil vom Oekonomischen abgesonderte Praxis) zum Eigenkapital erklaerende Politik, ist eine Verteidigungsargumentation fuer das Terrain der Kunst mit der Vorstellung eines "souveraene[n] Gebiet[s] der Poesie", (294) F? die auf den neusten technischen Stand gebracht wurde? Denn es bietet sich an, zu fragen: wenn er titelt "[...] Medien [...] technisch[...] Hoeren [...] und Sehen[...]", was dann *technisch* ist: die Medien, die Wahrnehmung, oder alles drei? # # = markiert von MS in: Siegfried Zielinski. _Archaeologie der Medien: Zur Tiefenzeit des technischen Hoerens und Sehens._ Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2002. S. 292-327 + 355/356 + teilw. Literaturangaben 358-384. "7. Schlussthesen mit dem Entwurf fuer eine Kartographie zur An-Archaeologie der Medien "Die Dinge sind da, warum sie erfinden?" _Jean-Luc Godard, "Eloge de l'amour", 2001_ ----------------------------------------------------------------- | Die entwickelten Medienwelten benoetigen kuenstlerische, | | wissenschaftliche, technische und magische Herausforderungen. | ----------------------------------------------------------------- Fuer die Generation, die an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert erst damit begonnen hat, mit und in den Medienwelten schoepferisch zu arbeiten, ist das Wissen um die fortdauernde Moeglichkeit einer #magischen Haltung gegenueber der Technik# und die Gewissheit, dass eine solche Verausgabung nicht sinnlos werde, von hoechster Bedeutung. Fotografische und kinematographische Apparate, ausdifferenzierte und automatisierte Gestaltungsformen, elektronische Instrumente, lokale wie vernetzte Kalkulationsmaschinen sind fuer die heutigen Medienaktivisten nicht mehr prinzipiell neu zu entdecken, wie das fuer die Avantgarden der 1920er, die Nachkriegspioniere des Fluxus, der Aktionskunst und des Video oder die fruehen Netzwerker noch der Fall war. Sie sind umgeben von standardisierten technischen Apparaten und Systemen, zu deren funktionalen Grundlagen der Zugang enorm aufwendig geworden und nur wenigen Privilegierten vorbehalten ist. Dazwischen noch #einen eigenen Weg hin zum originellen Ausdruck zu finden ist schwer#, wenn man nicht einfach fuer die neuen Kanaele das wieder aufbereiten moechte, was schon existiert. Viele der kuenstlerischen und gestalterischen Aktivisten gehen den Weg, durch ungewoehnliche Verbindungen vorhandener Ausdrucksmittel und Materialien etwas zu erzeugen, was sich signifikant von den Erscheinungen des medialen Alltags unterscheidet. Sie vereinigen sich dafuer beispiels- 292 weise zu losen temporaeren Kooperationen der Club- oder Tanzszene. #Kombinationen# des _D-Jaying_ und des _V-Jaying_ stehen fuer besondere Ver-bindungen von Klang- und Bildbearbeitung in Echtzeit, die man als zeitgenoessisches _expanded cinema_ [1] begreifen kann. An die Musikma-schinen, die koerperliche Sensorik oder gar die Gehirnwellen direkt an-geschlossene, selbst gebaute oder annektierte Bilderwelten werden in verlassene Ruinen des industriellen Wohlstands in technoldem Rhyth-mus projiziert. Ihre Auffuehrungsorte sind ehemalige Fabrikhallen, die in Koeln und Berlin _E-Werk_ oder in Duesseldorf _Stahlwerk_ heiszen. Wenige gehen den riskanteren Weg, naemlich an einzelnen Stellen des ausdiffe-renzierten Mediensystems so in die Tiefe zu gehen, dass voruebergehend die etablierten Grammatiken in Unruhe geraten. Das ist poetische Pra-xis im engeren Sinn, wie sie der magische Realist Bruno Schulz ver-standen hat: "Wenn die Kunst nur bestaetigen sollte, was seit eh und jeh festgelegt wurde, dann brauchte man sie gar nicht. Ihre Rolle ist die einer Sonde, die ins Namenlose hinabgelassen wird. Der Kuenstler ist ein Apparat, der Vorgaenge in einer Tiefe registriert, in der Werte ge-schaffen werden." [2] In den l930ern hatte der polnische Schriftsteller einen kurzen Brief- wechsel mit seinem beruehmteren Kollegen Witold Gombrowicz. Dieser schrieb an Schulz, er haette eine Dame, die Frau eines Arztes, in der Straszenbahn getroffen, die ihn (Schulz) entweder fuer einen Verrueckten oder fuer einen Poseur hielte. Mit dieser Provokation, die er ueber die Oef-fentlichkeit der Avantgarde-Zeitschrift "Studio" lancierte, wollte Gom-browicz den juengeren Kollegen zum intellektuellen Duell auffordern. Schulz verweigerte sich. "... ich glaube naemlich nicht an den heiligen Codex der Arenen und Foren, ich verachte ihn . . ." Am Schluss seines Antwortbriefs an Gombrowicz laesst er sich doch noch zu einem Urteil hinreiszen, das ins europaeische Herz trifft: "Du hast das Zeug zu einem groszen Humanisten, was ist denn Deine pathologische Empfindlichkeit fuer Antinomien sonst, wenn nicht Sehnsucht nach dem Universalen, Sehnsucht nach dem Humanisieren _nicht vermenschlichter_ Gebiete, Sehnsucht nach der Enteignung partikularer Ideologien und ihrer Er- oberung zugunsten der groszen Einheit." [3] Schulz stammte aus dem kleinen Ort Drohobycz in Galizien, der 293 heute zur Ukraine gehoert. In seiner Sammlung von Geschichten ueber "Die Zimtlaeden" lud er die vergessenen Dinge und Figuren seines Hei- matstaedtchens mit seiner #magischen Phantasie# wie mit neuer Energie auf. Der Urheber eines der schoensten und verwirrendsten Buecher des 20. Jahrhunderts, des "Goetzenbuchs", arbeitete am dortigen Gymna-sium als Zeichenlehrer. 1942 wurde er naechtens auf der Strasze er-schossen. Schulz hatte versucht, im Ghetto zu ueberleben, indem er fuer einen Offizier von Hitlers SS malte und zeichnete. Dieser hatte den Guenstling eines Mannes von der Gestapo umgebracht. Die Erschie-szung von Schulz war wiederum eine Vergeltung fuer diesen Mord. 1936, drei Jahre bevor die Nazis Polen ueberfielen, verfasste er in War-schau einen Text, der, wie viele andere, Fragment blieb, "Die Republik der Traeume". Im Traum sei "ein Hunger nach Wirklichkeit beschlos-sen", schreibt er darin, "eine Forderung, welche die Wirklichkeit ver-pflichtet, unmerklich zur Glaubwuerdigkeit und zu einem Postulat her-anwaechst, zu einem faelligen Wechsel, der nach Deckung verlangt". Als Republik der Traeume proklamiert Schulz "#das souveraene Gebiet der Poesie#", in dem "ein Leben der Abenteuer, unaufhoerlicher Blendungen und Verblueffungen" gelebt werden koenne. Sein Paradies ist jenem Reich des flieszenden Honigs nicht fremd, das Empedokles von der Koe- nigin Kyris beschuetzen liesz. Er konzipiert es als #Zuflucht# und vor allem als Ort grenzenloser Gastfreundschaft. Wer sich, "von Woelfen oder Raeubern verfolgt", dorthin schleppe, sei gerettet. "Er wird im Triumph eingeholt, es werden ihm die verstaubten Kleider ausgezogen. Festlich, selig und gluecklich tritt er in das elysaeische Wehen, in die Rosensuesze der Luft", die den Garten durchdringe, mit seinen "Zellen ... Refekto-rien und Dormitorien, Bibliotheken ... Pavillone ... Altane und Belve-dere." [4] Faellige Wechsel, die nach Deckung verlangen, #Verteidigung von Antinomien versus die Universalisierung der Restbestaende des Hetero-logen und eine Politik, die von der Poesie der Gastfreundschaft durch-drungen ist: So koennte man untergruendige Energiestraenge bezeich-nen# die sich durch die Tiefenzeit der Medien ziehen. Der Dichter aus dem winzigen Dorf am Ende der Welt, dessen Texte und Zeichnungen fuer viele Kuenstler und Wissenschaftler der zweiten Haelfte des 20. Jahr- 294 hunderts implizit Katalysatoren fuer ihre Arbeit an der #Umgestaltung der Wirklichkeit# zu ihren Gunsten wurden, [5] inspirierte auch meine Untersuchung. Unverhohlen hat sich in der Bewegung durch die Tie- fenzeit gedachter und gebauter Medienwelten eine einseitige Faszina- tion ausgedrueckt. Sie gilt einem magischen Verhaeltnis zu den Dingen und ihren Relationen. In einem brillanten Aufsatz zu "Form und Technik" befasste sich der aus Breslau stammende Philosoph Ernst Cassirer 1930 vom Stand- punkt des engagierten Aufklaerers mit den #historischen Beziehungen zwischen Praktiken der magischen Naturphilosophie und experimen- teller Physik#. Die Trennwaende zwischen beiden sah er prinzipiell in aehnlicher Durchlaessigkeit, wie Empedokles die Schnittstellen seiner ak-tiven Organe konzipierte. Zugleich kritisierte er aber die These, dass die magischen Kuenste als unmittelbare Vorlaeufer des naturwissenschaft-lichen Experiments zu betrachten waeren, [6] an einem fuer den moder-nen Aufklaerer entscheidenden Punkt: "Sie spricht dem magischen Ver-halten eine Bedeutung zu und vindiziert ihm eine Leistung, die erst dem technischen Verhalten vorbehalten ist. Die Magie mag sich immerhin dadurch von der Religion unterscheiden, dasz der Mensch in ihr aus dem blosz passiven Verhaeltnis zur Natur heraustritt - dasz er die Welt nicht laenger als bloszes Geschenk ueberlegener goettlicher Macht empfangen, sondern, dasz er sie selbst in Besitz nehmen und ihr eine bestimmte Form aufpraegen will. " [7] Von der systematischen Durchdrin-gung der Dinge und ihrer Beziehungen durch die experimentelle Wis-senschaft und ihrer Implementierung als Technik waeren die magi-schen Kuenste aber insofern abzusetzen, als in ihnen ein ueberhoehtesWunschdenken. von der "Allmacht des Ich" traeumte. Vom Standpunkt einer Archaeologie, fuer die #poetische Durchdrin- gungen der Medienwelten# einen besonderen Stellenwert haben, laesst sich zuspitzen, was bei Cassirer anklingt: #Die magischen Kuenste lassen sich in ihren Operationen nicht eindeutig zweckbestimmen#, und sie setzen eine spezifische Haltung voraus. Diese Haltung ist nicht zu be-greifen als eine unterentwickelte Vorform experimenteller Annaehe-rung an die Dinge und ihre Relationen, die sich historisch in der Vor-moderne erschoepft hat. Cassirer kritisiert, dass die magische Denkform 295 als "primitiv" ... nach dem Masz und der Sicherheit ihrer inhaltlichen Kenntnisse" einzustufen sei. "Der Kreis der Beobachtung ist zu eng, die Art der Beobachtung ist zu schwankend und unsicher, als dasz es zur Aufstellung wirklich haltbarer empirischer Gesetze kommen koenn-te ..." [8] Genau hierin liegt aber das Anregungspotenzial des magischen Zugangs zu den technischen Medienwelten begruendet. Die leiden-schaftliche Konzentration auf einen Beobachtungsbereich kann sich die Wissenschaft, die an der Aufstellung verallgemeinerbarer haltbarer empirischer Gesetze interessiert ist, ebenso wenig leisten wie das Schwanken und die Unsicherheit bei ihrer Durchfuehrung. Aber beide sind unverzichtbare Voraussetzungen eines experimentellen Denkens und Handelns, das sich ein Scheitern leisten kann und das keine Angst davor hat, es als Moeglichkeit mitzudenken. Ohne sie verkommt das Ex-periment zu einem bloszen Test von vorher aufgestellten Gesetzen. Die emphatische Zuwendung zu einer einzigen Idee und ihre Ausschoep- fung bis zur Neige kann #fest gefuegte Grammatiken in Unruhe verset- zen#. Die etablierten Betriebe antworten darauf in der Regel mit Aus-grenzung. Aber diese Ausgrenzung muss nicht von Dauer sein. Im Hinblick auf die Medien hat unter anderem die An-Archaeologie dafuer Sorge zu tragen. Magische, wissenschaftliche und technische Praxis folgen fuer sie nicht chronologisch aufeinander, sondern verbuenden sich zu bestimmten Zeitpunkten, kollidieren miteinander, provozieren einander und halten die Entwicklung so in spannungsreicher Bewe- gung. #Durch das Aufeinandertreffen heterogener Zugangsweisen kann es zu Oeffnungen kommen, die langfristig sogar zu relativ stabilen tech-nischen Innovationen fuehren moegen#. Portas experimentelle Auslotung der medialen Moeglichkeiten der camera obscura fuer die Inszenierung von Ton und bewegten Bildern oder seine rotierenden kryptographi- schen Apparate sind dafuer ebenso Beispiele wie Kirchers Kombina- tionskaesten fuer mathematische oder musikalische Kompositionen oder Ritters Entdeckungen zur Elektrizitaet zwischen chemischen und elek- trischen Prozessen. 296 ------------------------------------------------------------ | Die Pflege von #Dramaturgien der Differenz ist ein wirk- | | sames Mittel gegen die zunehmende Ergonomisierung der | | technischen Medienwelten# im Zeichen des linearen Fort- | | schritts. | ------------------------------------------------------------ ======================================================================== Sie erhalten den n0name newsletter, weil sie da sind!/You get the n0name newsletter, because you are there! *Bitte weiterleiten!/Please forward!* Archiv: http://www.n0name.de/newsletr.html (c) 1999-2009 n0name, die Autorinnen & Autoren und die Maschinen Unterstuetzt von XPECT MEDIA http://www.xpect-media.de Sponsored by FONDS Dank an >top e.V. ------------------- Ende des n0name newsletter #135 --------------------