X-eGroups-Return: sentto-1846906-379-989896993-matze.schmidt=n0name.de@returns.onelist.com X-Sender: stefan@thing-frankfurt.de X-Apparently-To: thing-frankfurt@yahoogroups.com User-Agent: Microsoft Outlook Express Macintosh Edition - 5.01 (1630) To: Thing Egroups X-Sender: 520014715719-0001@t-dialin.net From: Stefan Beck Mailing-List: list thing-frankfurt@yahoogroups.com; contact thing-frankfurt-owner@yahoogroups.com Delivered-To: mailing list thing-frankfurt@yahoogroups.com List-Unsubscribe: Date: Mon, 14 May 2001 15:58:04 +0200 Reply-To: thing-frankfurt@yahoogroups.com Subject: [thing-frankfurt] gibt es kunst im netz? Die Berlingazette (http://www.berlingazette.de) kann ich nur waermstens empfehlen. Aus der letzen sendung hier ein highlight zur frage nach der netzkunst: Das Netz als Fenster oder: >>Warum kann es keine Kunst im Internet geben?<< [ ] Antwort: Olaf Arndt, Kuenstler [1] Ich bin sicher, dass es keine Netz-Kunst geben kann. Im Netz ist ausser Geschaeften nur Unterhaltung, als weiche Form von Geschaeft, und Design moeglich. Virtuelle Sit-ins oder andere Formen softwarebasierter Online-Aktivitaet sind fuer mich keine Kunst, sondern >>gestaltete<< Selbstorganisation. Inhaltlich finde ich das o.k., aber aesthetisch ist es ohne Reiz und Sprengkraft. Ich teile die Befuerchtung von Gerfried Stocker, dass >>der anhaltende Brain-Drain in die Medien- und Werbewirtschaft … den Kunstbetrieb bald wie eine Geisterstadt zuruecklassen<< koennte. Ich zweifle jedoch stark, ob die von ihm inaugurierten Nester des Widerstandes, >>sub- und popkulturelle Nischen, Business & Entertainment, Software Engineering<< in der Lage sind, den >>takeover>> [2] zu verhindern. Das Netz hat wahrscheinlich im Computer den komplexesten, multipelsten Projektor gefunden, der je fuer ein Medium eingesetzt wurde. Aber ein Projektionssystem, auch wenn es zum Handeln, zum Gestalten einlaedt, macht noch kein Kunstwerk. Ich bin voller Skepsis, wenn ich Kuenstler - auch gute Leute, wie z.B. Erik Hobijn - mit dem Netz umgehen sehe. Seine einige Jahre alte Internet-Installation [3], bei der der (kunstinteressierte) User zur Verantwortung gerufen wird, indem er durch Anklicken ein echtes Ei in einem Brutkasten bebrueten kann, scheint mir praetentioes. Immerhin ist es Hobijn geglueckt, in eine fuer uns begreifbare Welt hinein zu verlaengern, was Virilio anhand der Lenk- und Geschuetzsysteme im Tarnkappenbomber theoretisch analysiert hat: dass die Schwelle, ueber Leben zu entscheiden, mit dem steigenden Grad der medialen Repraesentation von Welt herabgesetzt wird. Jodi.org [4] ist zwar eher Kunst als Design. Aber ich kann mir dennoch gut die innovative Agentur vorstellen, die genau so etwas als Homepage-Aufreisser benutzt. Der Inhalt ist naemlich >>weich<< gestaltet und multifunktional nutzbar. Ich glaube nicht, dass ein Medium per se korrumpiert ist, aber die Kunst, die sich nutzen laesst, ist es. Isidore Izou sagt, dass ein Kunstwerk eine bestimmte Ausdehnung in Zeit und Raum haben muss, um sich zu entfalten, etwas zu sein, dass es mit dem Leben aufnehmen kann. >>Zumutung<< hat Heiner Mueller das genannt, planmaessige Ueberforderung des Betrachters. Ich habe darueber ausfuehrlicher in meinem Text in dem Buch >>Das Modell einer Neuen Gesellschaftsordnung<< [5] geschrieben. All diese Kriterien erfuellt das Netz ansatzweise. Es ist also potentiell ein Platz, auf dem Kunst stattfinden, wo sich ein neues >>Museum<< als >>Labor<< bilden, sich Netzwerke aus Forschung, Engagement und Aesthetik entwickeln koennten. Aber das Netz ist auf elende Art keimfrei, es fehlt ihm immer das Physische. Wie Joseph Weizenbaum kuerzlich erzaehlte, sind Avatare und Charakteranimationen deswegen so deprimierende Figuren, weil man ihnen nicht mal die Hand auf die Schulter legen kann. Im Netz existiert kein be-greifbares Objekt. Es ist kein unwesentlicher Bestandteil von Kunst, dass sie einen Koerper, dass sie Materialitaet hat. Bei Ovid verlieben sich die Bildhauer in den Marmor ihrer Skulptur und wollen mit ihm schlafen. Hoet und Szeeman reden ununterbrochen von der Erotik der Arbeiten, die sie zeigen. Selbst bei Davids Ausstellungen hat die Kopfkunst eine sexy Rauminszenierung. Ich habe arge Zweifel, ob Kunst nur im Monitor stattfinden kann. Von der >>Schoenheit von Software<< verstehe ich nichts. Die wilden Ueberkreuzungen graustichiger Linien bei Knobotics >>10-tencies<< sind daher fuer mich reines Hirngewichse. Die sozialen Strukturen, von denen in den klugen Begleittexten ihrer Kataloge die Rede ist, finde ich darin ebensowenig gespiegelt, wie die urbanen Entwicklungen, mit denen es collageweise spielt. Ich befuerchte darueberhinaus, es handelt sich bei Softwarekunst um einen von der IT-Industrie gefoerderten traurigen Witz, und nicht um den Versuch, den wirkungsmaechtigen Bedingungen unserer Tage in den Quellcode zu schauen. Ich sage das nicht nur aus theoretischer Distanz: mit dem Musiker >>zeitblom<< [6] arbeite ich gerade an einer Installation, in der die oekonomischen Machtverhaeltnisse unter den Bedingungen von Globalisierung am Beispiel der Lenkung virtueller Geldfluesse aufgezeigt werden: das Netz >>triggert<< quasi unseren realen Raum, der mit Sounds und Robotern den Datenfluss physisch erfahrbar macht. Ob man Software-Kunst nun sinnvoll oder gut findet, ist keine Frage des Geschmackes, sondern des Anspruchs an Kunst. Wenn wir nicht von einem voellig neuen Begriff von Kunst reden, den es auch erstmal mit Inhalt zu fuellen gaelte, dann fehlt mir bei Kunst im Netz die Utopie, mit der ich Kunst immer gleichsetze: Kunst muss doch ueber sich selbst hinaus auf irgendein Ziel weisen, Uneingeloestes oder sogar Uneinloesbares fordern. 1. http://www.bbm-ww.de 2. http://www.aec.at/takeover/ 3. http://wwwwwwwww.jodi.org/ 4. http://www.t0.or.at/~diagonale/hypermed/netband.htm 5. http://www.bbm-ww.de/book/buch.html 6. http://www.zeitblom.de -- The Thing Frankfurt http://www.thing-frankfurt.de Thing Mailinglist: thing-frankfurt-subscribe@yahoo groups.com ___________________________________________________________________ Stefan Beck | Hohenstaufenstr. 8 | 60327 Frankfurt | +49-69-7410210 ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||| Multi.trudi artspace and mediabase works @ http://www.multitrudi.de Check our sites: + http://www.thing-frankfurt.de + http://www.multitrudi.de + http://www.noize-concept.de ------------------------------------------------- To unsubscribe from this group, send an email to: thing-frankfurt-unsubscribe@yahoogroups.com Die Nutzung von Yahoo! 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