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05.07.2004
 
Interview
Interview: Ali Emas
 
Krieg der Texter
 
jW befragte Matze Schmidt, TextJockey aus Berlin, dessen Lexikonartikel zum Begriff "Différance" auf der deutschen Wikipedia, der Online-Enzyklopädie unter Copyrightausschluss, einen so genannten Edit-War auslöste.
 

F: Was ist ein Edit-War und wie kam zu dem Streit um die korrekte Version des Artikels?

Ich könnte jetzt zwei Stories erzählen, je nach meiner Strategie für eine Selbststilisierung. Die eine lautet: Ich geriet beim Suchen nach irgendeiner Webseite zufällig auf die Seiten von de.wikipedia.org, der deutschen Sektion der freien Enzyklopädie im World Wide Web, und gab dort mehr aus Spaß als aus Berechnung den Suchbegriff "différance" ein. Darauf wurde kaum etwas angezeigt außer ein Hyperlink zu Jacques Derrida. Da das zu wenig und auch noch verfälschend war, beschloß ich, selbst einen Artikel zu schreiben. Das ist die genialische Version. Die heroische Version lautet: Ich habe den Kampf von langer Hand vorbereitet, habe die gesellschaftliche Funktion und den inneren Diskurs von Wikipedia recherchiert. Das alles, um diesen Edit-War zu provozieren, also eine Art Krieg zwischen Autoren um die Bearbeitung des Inhalts eben dieses speziellen Lexikoneintrags.

F: Um was geht es Dir dabei, ist das nur ein Privatkrieg auf halböffentlichem Terrain?

Ich lasse mich darauf ein, weil nur eine Auseinandersetzung zu Veränderung führt. Zwar gibt es sehr volle Seiten auf Wikipedia, die das Programm eines Lexikonprojekts dieser Größenordnung bestimmen, und es gibt offenbar auch viel Kontakt unter den Beteiligten, aber es gibt wenig selbstreflexive und selbstkritische Artikel. Der Einwand, der während der Diskussion um meine Version kam, war dann auch genau der bürgerliche: Selbstreflexion ist nicht die Aufgabe einer Enzyklopädie als Enzyklopädie, das müsse im Hintergrund laufen. Das kann man nun leicht als anti-modernes Diktum entlarven. Dagegen zu halten wäre aber die reelle Prozesshaftigkeit von Text auf der Oberfläche, dem Frontend selbst, die aber weggeblendet werden soll. Ein Wechselbezug Redaktion und Diskurs, mit dem man arbeiten kann.
Damit zusammen hängt, daß Wikipedias Anspruch, eine freie Enzyklopädie zu sein, nicht eingelöst werden kann mit der Vorstellung des berühmten aufklärerischen Phantasmas eines "neutralen Standpunkts", von dem aus die Lexikonbeiträge zu schreiben seien, so wie es sich Wikipedia selbst vorschreibt. Gerade die Technik des Wiki bietet umfassende Möglichkeiten, dieses Doppel, diese Fixierung auf Fixierung zu vermeiden, indem nämlich buchstäblich jede und jeder die Artikel ändern kann.

F: Hegt das Projekt der angeblich für alle offenen internationalen Enzyklopädie also Einschluß- und Ausschluß-Strukturen?

Ja, ganz bestimmt. Aber quasi auf materialsitischer Ebene! Ich werfe dem Projekt frontal eine bestimmte dialektische Form der Ästhetik und der Ökonomie vor. Zum einen sage ich: Ihr schreibt nicht, ihr fixiert! Damit ist gemeint, daß Wikipedia das Konzept der kapitalistischen Lexikonprojekte auf unterster Ebene kopiert. Nicht geklaute urheberrechtlich geschützte Werke sind eine Gefahr, sondern die unhinterfragte Ideologie des photografischen Konzepts von abschließender Klärung, etwa um dem Chaos zu entgehen. Und zum anderen sage ich: Ihr haltet die GPL, die General Public Licence mit der Idee des Copyleft, und die Public Domain für Inseln im Netz, für Robinsonaden, die eroberbar und claimbar seien. Und dann wollt ihr sie verteidigen. Dabei verwechselt ihr die Public Domain als Gemeineigentum mit dem Eigentum, das kein Eigen sein kann, weil es als Text ein ständiger Prozess ist - wenn man so will eine permanente Revolution. Das ist keine modische oder sophistische Diskussion mehr. Der Komplex aus Eigentum und Privateigentum und Umwälzung steht hier zur Debatte.

* Mehr dazu unter: http://www.n0name.de und http://de.wikipedia.org

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