F: Was ist ein Edit-War und wie kam zu
dem Streit um die korrekte Version des Artikels? Ich könnte jetzt zwei
Stories erzählen, je nach meiner Strategie für eine Selbststilisierung.
Die eine lautet: Ich geriet beim Suchen nach irgendeiner Webseite zufällig
auf die Seiten von de.wikipedia.org, der deutschen Sektion der freien Enzyklopädie
im World Wide Web, und gab dort mehr aus Spaß als aus Berechnung den Suchbegriff
"différance" ein. Darauf wurde kaum etwas angezeigt außer
ein Hyperlink zu Jacques Derrida. Da das zu wenig und auch noch verfälschend
war, beschloß ich, selbst einen Artikel zu schreiben. Das ist die genialische
Version. Die heroische Version lautet: Ich habe den Kampf von langer Hand vorbereitet,
habe die gesellschaftliche Funktion und den inneren Diskurs von Wikipedia recherchiert.
Das alles, um diesen Edit-War zu provozieren, also eine Art Krieg zwischen Autoren
um die Bearbeitung des Inhalts eben dieses speziellen Lexikoneintrags. F:
Um was geht es Dir dabei, ist das nur ein Privatkrieg auf halböffentlichem
Terrain? Ich lasse mich darauf ein, weil nur eine Auseinandersetzung zu
Veränderung führt. Zwar gibt es sehr volle Seiten auf Wikipedia, die
das Programm eines Lexikonprojekts dieser Größenordnung bestimmen,
und es gibt offenbar auch viel Kontakt unter den Beteiligten, aber es gibt wenig
selbstreflexive und selbstkritische Artikel. Der Einwand, der während der
Diskussion um meine Version kam, war dann auch genau der bürgerliche: Selbstreflexion
ist nicht die Aufgabe einer Enzyklopädie als Enzyklopädie, das müsse
im Hintergrund laufen. Das kann man nun leicht als anti-modernes Diktum entlarven.
Dagegen zu halten wäre aber die reelle Prozesshaftigkeit von Text auf der
Oberfläche, dem Frontend selbst, die aber weggeblendet werden soll. Ein Wechselbezug
Redaktion und Diskurs, mit dem man arbeiten kann. Damit zusammen hängt,
daß Wikipedias Anspruch, eine freie Enzyklopädie zu sein, nicht eingelöst
werden kann mit der Vorstellung des berühmten aufklärerischen Phantasmas
eines "neutralen Standpunkts", von dem aus die Lexikonbeiträge
zu schreiben seien, so wie es sich Wikipedia selbst vorschreibt. Gerade die Technik
des Wiki bietet umfassende Möglichkeiten, dieses Doppel, diese Fixierung
auf Fixierung zu vermeiden, indem nämlich buchstäblich jede und jeder
die Artikel ändern kann. F: Hegt das Projekt der angeblich für
alle offenen internationalen Enzyklopädie also Einschluß- und Ausschluß-Strukturen? Ja,
ganz bestimmt. Aber quasi auf materialsitischer Ebene! Ich werfe dem Projekt frontal
eine bestimmte dialektische Form der Ästhetik und der Ökonomie vor.
Zum einen sage ich: Ihr schreibt nicht, ihr fixiert! Damit ist gemeint, daß
Wikipedia das Konzept der kapitalistischen Lexikonprojekte auf unterster Ebene
kopiert. Nicht geklaute urheberrechtlich geschützte Werke sind eine Gefahr,
sondern die unhinterfragte Ideologie des photografischen Konzepts von abschließender
Klärung, etwa um dem Chaos zu entgehen. Und zum anderen sage ich: Ihr haltet
die GPL, die General Public Licence mit der Idee des Copyleft, und die Public
Domain für Inseln im Netz, für Robinsonaden, die eroberbar und claimbar
seien. Und dann wollt ihr sie verteidigen. Dabei verwechselt ihr die Public Domain
als Gemeineigentum mit dem Eigentum, das kein Eigen sein kann, weil es als Text
ein ständiger Prozess ist - wenn man so will eine permanente Revolution.
Das ist keine modische oder sophistische Diskussion mehr. Der Komplex aus Eigentum
und Privateigentum und Umwälzung steht hier zur Debatte. * Mehr dazu
unter: http://www.n0name.de
und http://de.wikipedia.org |