Betreff: Und SO36 bleibt / Aber ... ... nichts bleibt wie es war Es geht also weiterhin um das Gegenteil von dem was die Firma O2 gerade verordnet, naemlich beim Telefonieren ans Telefonieren zu denken oder beim Kunstmachen ans Kunstmachen zu denken? (Wir selbst) Ich glaube / Wir glauben, dass der Konflikt um die Lautstaerke vom SO36 in Berlin eine Frontlinie markiert, deren Effekte nun an vielen angekriselten Space-to-be-Orten auftreten. Alle Konflikte mit Nachbarn, denen es zu laut wird, bedeuten nie nur individueller Distress oder blosz "Aerger", nicht fuer DEN Club in der Haupt-Stadt und nicht fuer 'irgendeinen' armen Laden in der Provinz, dem sein Claim zu teuer wird. Die Forderungen der betroffenen Kleinunternehmer, die sie privat-vereins-wirtschaftlich sind, an die sogenannte Politik fallen dennoch un-entsprechend aus. Ich erinnere mich, dass in den fruehen 1990ern in eben jener Provinz einer im verschlissen-schwarzen Anzug mit Lehrauftrag auftrat, der wie Martin Kippenberger aussah (demnach lebende Ex-SO36 Legende), und uns privilegierten Mittelklasse-Studenten erzaehlte, dass Ausstellungen in Kneipen doch auch gehen wuerden. Keiner kapierte voll was gemeint war, am wenigsten vielleicht der im Anzug. Nachher sind wir immer schlauer geworden. Was da herangezogen wurde, war die Frage nach der Handlungsfaehigkeit und den Moeglichkeitsbedingungen fuer 'was man so macht' im Nach-Wende-, aber damals noch Vor-Kriegs-Kapitalismus Deutschlands. Bezogen aufs Heute koennte das heiszen, in und auf allen Staetten, die nicht Oper, Staatstheater, nationale Galerie oder Telekom-Park sind, also an allen Orten, die sich offen vermarkten muessen, aber nicht schon sozialdemokratisch eingemeindet zermarktet oder Player sind, waere eine andere Praxis denkbar -- Henri Lefèbvre, Karl Marx usw. hin und her (Saskia Sassen, Naomi Klein allerdings vergessend). Einzufordern waere also eine groessere Perspektive, welche EURO-Betraege als Loesung erstmal als, wenn auch pragmatische Oberflaeche diskreditiert und das basale Dilemma zu begreifen hilft, in dem sich die 'freien' Feierflaechen befinden. Frei von Staatsgeld aber auch frei sich zu verkaufen, wird diesen gerade ihre Stellung genommen, ihre vermeintliche gemuetliche Unsicherheit -- von den Verhaeltnissen selbst und nicht etwa von boesen Veranstaltungs GmbHs. Die Rede ist nicht vom Monopolkleinkapitalismus. Aber 2,80 fuer 1 Bier sind fuer mich inzwischen undenkbar. Also anti-antizipiert man derweil und leicht apokalyptisch, n o t w e n d i g den irrealen Sozialismus in selbst gemachten Wohnzimmerkonzerten, der Party bei freiem Eintritt und in sowieso Zimmerlautstaerke. Das in einer einerseits anregend ver-internationalisierten urbanen Situation, die jedoch andererseits Verdraengungen & Bornierungen erwirkt, indem das "Boorlyn", also das neue Brooklyn voller alter Quasi-Brooklyner als Menetekel in Berlin haust, inklusive allem inversiven Fremden- und Judenhass. Diese Eigenmarginalisierung und dennoch Selbstinstandsetzung kann und will mit den nun zu "freien Kulturzentren" erklaerbaren Etablisments (Semi-Establishments!) mit ihrer oft kompletten Buehnentechnik nicht mithalten (allein daraus resultiert die angeblich depressive Stimmung bei solchen Wozikons, wie sie von laessigen Saengerinnen, die in echten Studios aufnehmen und auf echten Konzerten auftreten, wohl zu recht kritisiert wird). Kultur als Kultur Warum also moeglichst nicht-subjektives Kriteln? Weil diese Umsatz machen-muessenden und aber prekaeren Haeuser einen post-buergerlichen oder neo-buergerlichen Kulturbegriff, ganz im Sinn von ausgewaehlten Gemaelden in ausgewaehlten Kneipen, nun auf sich bezogenen erweitert wissen wollen und Gefolgschaften auf Petitionswebseiten anrufen. "Theater fuer alle." Punk fuer alle. War Punk nicht umsonst die Verschiebung der Kritik am Bestehenden auf den Style? Aber war er nicht auch die Infragestellung des Kunstbegriffs und der Produktion von Bedeutung ueberhaupt, in seiner in- und exkludierenden also ihrer Schichtbildenden Definition? Und ist der gemeinte nachrevolutionaere Club (und damit sind alle Clubs gemeint) nun nicht genau d'accord mit der Kultur/wirtschaft, die bestimmt, wer kulten darf und wer nicht, nun wieder sich nach aussen abschlieszend ideologisch bei eben dieser angekommen? Hi, ist es ueberall dasselbe, Understream will an die Offiziellkulturtoepfe? Gruss M Was wollen die Kulturalisierungsgegner? Was will die DJ-Culture, Jugendkultur, electronic culture, Technokultur, Graffity und Street Art (sic!) als Kultur usw.? Sollen wir das nun in einem 3-Minuten-Lied erklaeren oder in einem Film à la S.I.? Das Dilemma ist eigentlich simpel: Mit dem oekonomischen Druck waechst in der "Kreativen Klasse" -- von der digital Bohème bis zu den oekologistischen Sound Studies, von den Flohmarkt-Working Poor bis zu weiteren vom Sektor der Warenproduktion Abhaengigen -- offenbar die ideologische Verbuergerlichung zusammen mit einem ungebrochenen Verhaeltnis zu Kunst und Staat. Bei dem Versuch sich auf die Biotope und Inseln ausserhalb der Deklassierung zu retten, kann einem in der Gesellschaft der Dienstleister, d.h. ausserhalb der Fabriken, nichts anderes einfallen muessen als "Wer nichts darf, bleibt Wirt". Nicht aus Ideenlosigkeit, sondern aus Realitaetslosigkeit, also der Entfremdung vom Erkennen der eigenen Stelle. Vorzuwerfen ist folgerichtig nicht, dass man sich verkaufen muss. Sondern, dass das emazipative Hurendasein (orthodox verstanden) _falsch_ reflektiert und ueber die geforderte Rettung im Kleinen ("Wer Banken rettet, soll auch uns retten") strohhalmisiert fetischisiert wird. Die Unterkultur soll endlich Hochkultur und dabei wenigstens ein biszchen abgesichert werden. Wobei ja ausgerechnet in dieser Stadt einige, geleitet von der politischen Zentrale fuer Bildung, in ihrem Klassenunterschiede-abbauen-Projekt daran arbeiten, den wenn auch indifferenten Unterschied -- denn was heiszt unten und was hoch? -- beider zu leugnen. Der Begriff der Kultur in seinen Unterschieden wird von Republiktreuen geradezu aufgesaugt und damit vorerst und scheinbar unverwendbar. Man kann ja immer noch "Enteignet Springer" und Bertelsmann und Universal, und Siemens uebrigens auch rufen. Aber wir koennen ja schlecht "Enteigent das Esso" rufen, weil das Bier dort im Verein zu teuer ist und ich dort nicht auch auf der Buehne in *dem* Laden spielen darf, den Blixa Bargeld (winkt mit seiner Amex Gold Card) nach 15 Jahren Abwesenheit als (zu) klein empfindet etc. pp. Grosse Buehnen fuer jeden und zwar umsonst? Oder geht es in dieser Kommune traditionalistisch breitenkonsensmaeszig ohnehin ums respektvolle Leben und leben lassen. O2 World bitte nein, danke!, aber wir sind der Gegenpol, liebe Regierung honoriere das, sonst kommen die 200.000 Arbeitsplaetze in der Kultur/wirtschaft nie? Was hier angestrebt wird, erscheint wie ein »Culture Mainstreaming« und »Culture Budgeting« -- Gerechtigkeit zwischen den Haeusern herstellen, so dass Kleine und Grosse gleichen Zugang zu den oeffentlichen Haushaltsmitteln haben. Was bleibt da von einer Gegenoekonomie uebrig? Das kann ein Lied natuerlich nicht alles fragen und sagen, vor allem aber _alles nicht sagen_, denn Songs sagen ja auch nichts selbst. Was fuer uns ging, war ein nostalgisch-kritisches Soengchen, welches ganz nah am Kitsch (den wir automatisch verwendeten) planlose Wunschgedanken aufruft, dass etwas anderes gehen muss. Zum Beispiel Kultur ohne Kult und ohne systemische Enteignung und die Aufhebung der Trennung von Kultur und allem anderen, z.B. Arbeit. Und dass es mit einer imaginierten Automnomie in der aktuell normalisierten + militarisierten Klassengesellschaft der BRD nun endlich vorbei sein muesste. Besonders in Anbetracht des von Adornolesern kuerzlich entdeckten posthistoire des Pop (kurz erklaert: Epochen & Stile sind vorbei, keine Avantgarde mehr, keine Orientierung mehr, nichts geht mehr fuer die Industrie als Konsensmaschine versus alles geht fuers D.I.Y., aber nur atomisiert) als Positivum. Wobei die sich daran anschlieszende Nischensuche pop-immanent zu bleiben scheint oder eben Pop fuer das Leben selbst gehalten wird, oder man den Scheinselbstaestheten, der bestaendig am Material arbeitet, eben auch heimlich am liebsten von oben gefoerdet wissen will. Von Wegen Nachgeschichte oder Geschichtslosigkeit, suchen sich die P2P-MP3s-Hoch-und-Runterladenden nicht ihren Geschichtszusammenhang? Die belesene Elite mit Bibliothek, Plattensammlung und Presseausweis unterschaetzt die Massen-Individuen, waehrend die Negris sie als neue Multis ueberschaetzen. Wir sammeln jetzt kein Geld fuer den politischen Schallschutz, aber wir wuenschen uns widerspruechlich in der Konsequenz, dass Ihr irgendwie bleibt. Nicht als Denkmal, nicht als Ballast der Republik-Ball, nicht als The Exploited oder Opfer fuer 12,- Eintritt und nicht als halbsubventionierter Kult(ur). Wenn also demnaechst der Kredit kommt, dann nicht mehr und nicht weniger als das legale Mittel. Matze Schmidt PS: Wenn in der Walpurgisnacht oder am 1. Mai im Norden Neukoellns Scheiben von kleinen Laeden eingeschmissen werden (wurden sie?), weil diese sich an der Gentrifizierung beteiligen wuerden, dann zeugt das von einem heftigen Miszverstehen der Lage am wirtschaftlichen Rand dieser untersten unfreiwilligen Gehilfen der oberen 'Gentrifizierer'. Zur Erinnerung: 1929 fuehrte das Massaker der Polizei an Bewohnern der Stadt, befohlen von der Sozialdemokratie, zur Spaltung der Arbeiterinnenkraefte zwischen KPD und SPD und ermoeglichte so mit den Faschismus in D.land. Schichten- und Klassenspalterische Aktionen, Hass gegen Objekte mit demoralischer Wirkung auf die Menschen dahinter und mit direkter Wirkung blosz gegenueber den Versicherungen, die das bezahlen, fuehren nur zu einer absurden Gegengentrifizierung. Oder war es Neid? Wird demnaechst der Kellerclub vom Anti Verdraengungs Team gestuermt? Zersplitterung der Widerstaende -- aufgeloest in Staende des Widerstands mit Teile-und-herrsche-Nebeneffekt fuer den Staat. 2. Mai 2009